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Jürgen + Ronald, spirituell
  · 30.09.19
''Auf einer Leinwand werden Kostproben des für den Schernikau so typisch kleingeschriebnen Wortwerks weiß auf schwarzem Hintergrund Zeile für Zeile "abgedruckt"; ich glaubte mich an Textstellen seiner Kleinstadtnovelle, seines Erlebnisberichts Die Tage in L. oder auch seines Opus magnum Legende erinnert haben zu können, möglicherweise könnten es gar unveröffentlichte Textpassagen ganz im Umfeld dieser Prosa gewesen sein. Was die Texte eint, ist ihr traumatisch-sehnsuchtsvoller Grundton, der nach Liebe und Berührung schreit, der sie lyrisch verklärt, der eine obsessive Anbetung des Körpers neben dir anstellt - in dieser Stimmungslage, diesem schreiberischen Glücksrausch gleicht ihr Autor seinem brüderlich nicht unfernen Kollegen Jean Genet, weswegen "es" den ausführenden Musikern (dem Klarinettisten Richard Haynes, dem Trompeter Paul Hübner, der Schlagzeugerin Sabrina Ma, dem Quin spielenden Hang Su) sowie dem schauspielernden Sänger Ludwig Obst gewiss nicht schwer fiel, sich dieses geschlechterübergreifenden Hauptthemas jeglicher ernst zu nehmender Literatur anzunehmen, es in ihrer Art und Weise sozusagen fortzuführen...

Der noch viel interessantere Performance-Abschnitt war dann allerdings derjenige, wo die vier Instrumentalisten nach der "graphischen Partitur" - vermutlich aus dem Nachlass Jürgen Baldigas - zu musizieren anfingen; sie spielten, auf die Leinwand schauend, quasi wie vom Blatt, nur dass kein herkömmlicher Notentext sondern ein fast wie Blindenschrift aussehendes System die Grundlage für ihr Ab-Musizieren war. Was es nicht alles gibt!

In der Mitte der Performance schien sich Ludwig Obst dann - wie bei Hermann Hesses Demian ("Der Vogel kämpft sich aus dem Ei...") - geburtenmäßig darstellen zu wollen; und das wäre wohl nur eine der vermuteten Ansichten aus dem etwas unsicher dreinschau'nden Publikum gewesen. Es endete spirituell, ja, irgendwie. Schöner, in sich ruhender Gedankenabend.'' schreibt Andre Sokolowski am 29. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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