Kritik zuHiob
4.0/5
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1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Intensiv und berührend
  · 15.09.19
Für viele ist die Geschichte von Hiob eine Parabel davon, dass Gott dem Menschen eine Chance gibt, sich in Prüfungen zu bewähren. Auch wenn er ihm viele Leiden auferlegt, solle der Mensch doch nicht seinen Glauben an das Gute, an seinen Gott, verlieren.
Joseph Roth hat zu diesem existentiellen Drama 1930 einen Roman geschrieben, in dem er das von Schicksalsschlägen geprägte Leben des jüdischen Bibellehrers Mendel Singer und seiner Familie erzählt. Orte der Handlung sind das fiktive Schtetl Zuchnow im zaristischen Russland und New York im ausgehenden 19. Jahrhundert bis nach dem Ende des ersten Weltkriegs.
Jasmina Hadžiahmetović hat nach diesem Buch eine Bühnenfassung erstellt und diese an der Vagantenbühne zur Premiere gebracht, gleichzeitig auch die Regie übernommen.
Und eine schnörkellose Inszenierung erarbeitet, die durch die Klarheit des Spiels der Schauspieler besticht. 
Christian Dieterle verkörpert den Familienvater Mendel Singer, dessen glückliche Zeiten nur noch als Vergangenheit erzählt werden können, geht ihm seine Familie doch nacheinander verloren. Den jüngstgeborenen Sohn Menuchim, nicht als Person auf der Bühne, der behindert auf die Welt kommt, lässt die Familie zurück, als sie ihrem Sohn Schemarjah (Florian Rast) in die USA folgt, in der vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Leben. Sohn Jonas, der die Familie ebenfalls nicht begleitet, weil er als einberufener Soldat sein Vaterland verteidigt, und die Tochter Mirjam werden beide von Senita Huskić gespielt, die Mutter von Magdalene Artelt.
Auch wenn der Abend nicht nur eindrücklich von den Schicksalsschlägen handelt, die die Familie Singer erdulden muss, sondern auch von den Folgen der Immigration, die sich hier allerdings hauptsächlich auf das schlechte Gewissen der Eltern für den bei einer Pflegefamilie zurückgelassenen behinderten Sohn beziehen, bleibt das persönliche Unglück des Familienvaters Singers in fast allen Momenten unbedingt vorherrschend. Die anderen Familienmitglieder bilden dazu einen gewissen Kontrapunkt, auch wenn sich bei ihnen selbst in scheinbar glücklichen Momenten noch Verzweiflung zu mischen scheint, etwa wenn Mirjam sich mit einem Liebhaber vergnügt. Alle Handlungen sind existentiell inszeniert.
Die Sinnhaftigkeit dieser Parabel bleibt fragwürdig, vor allem wenn Mendel sich selbst im Angesichts des Todes noch bedroht fühlt und verständlicherweise an seinem Gott verzweifelt, übrigens eindrucksvoll inszeniert und dargestellt, so wie auch alle anderen Schauspieler intensiv und berührend spielen. Da kann auch das Ende, wenn im Prozess des 
Sterbens Mendel Singer noch einmal wundersame Dinge erscheinen, ihn die gesamte Familie gesund und erfolgreich in ihre Mitte nimmt, nicht wirklich versöhnen. Aber dies kann auch nicht gewollt sein, wenn man sich diesen Stoff für eine szenische Umsetzung vornimmt.
Das Publikum war konzentriert und hat das hervorragende Ensemble mit reichlich Applaus belohnt.
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