5.0/5
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1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das ist mächtig fein ...
  · 09.09.19
Wer die Stücke Shakespeares kennt, dem dürften die Namen Dogberry und Probstein durchaus etwas sagen: Beide verkörpern Narren in zwei von seinen Werken. 
Das Autorenteam Anatol Preissler und Otto Beckmann veröffentlicht unter diesen Namen seine Theaterstücke, was schon ein bisschen darauf hinweisen könnte, dass ihnen der Humor nicht ganz fern ist.
Was seinen Ausdruck unbedingt in der Komödie „Adel verpflichtet“ findet, frei nach einem Roman von Roy Horniman aus dem Jahr 1874 und der Filmfassung mit Alec Guinness von 1949, die gerade im Schlosspark Theater zur Aufführung kommt. Entsprechend zeitgemäß ist auch die Ausstattung der Bühne und der Kostüme, die Regie hat praktischerweise Preissler selbst übernommen. Dabei hat er Erfahrung und Schauspieler aus seiner Inszenierung am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater an die Spree mitgebracht, wo das Stück im letzten Jahr seine Uraufführung erfolgreich feierte.
Kurz zum Inhalt: Victor Lopez (Otto Beckmann) geht unentdeckt über Leichen, um endlich seiner Herkunft Rechnung tragen zu können und den Grafentitel tragen zu dürfen, nicht zuletzt, um endlich seine Jugendliebe Sibella für sich gewinnen zu können. Entstammen seine Wurzeln doch wenigstens einigermaßen einer blaublütigen Familie, wie ihm seine Mutter eingeschärft hat, wenn man mal von seinem Vater absieht, der als mexikanischer Straßenmusiker immer wieder über die Bühne fegt. Endlich in der Erbfolge ganz oben und somit geadelt, landet er aber im Gefängnis für einen Mord, den er ausnahmsweise nicht begangen hat und verbringt seine letzte Nacht zusammen mit dem Henker William Calcraft (Oliver Nitsche), mit dem sich eine intensive Unterhaltung entspinnt, die sie fast Freunde werden lässt. Schräg genug, seine Memoiren zu schreiben und gleichzeitig seinem Henker ausführlich zu den vielen Morden zu berichten, die nun in Rückblenden dargestellt werden. Aber das ist nicht alles. Die Morde selbst entbehren auch keiner Absurditäten, Preissler und Beckmann bespielen die Komödienklaviatur in voller Breite, sodass Wortwitz, Slapstick und eine hochkomische Überzeichnung der Figuren dem Publikum einen kurzweiligen und witzigen Abend bescheren.
Neben den vielen kreativen Regieeinfällen tragen aber auch die Schauspieler die Inszenierung. Otto Beckmann spielt seine textreiche Rolle äußerst souverän, ebenso sein Gegenpart Oliver Nitsche, beide harmonieren gut miteinander. 
Herrlich exaltiert, sowohl in Gestus als auch Sprache, agiert Annika Martens, die Jugendliebe Victors, die durch ihre Beziehung zu Lionel Holland (Tommaso Cacciapuoti) „ihren“ Victor auf für das Publikum sehr komische Weise immer wieder neu provoziert.
Auch Jantje Bilker überzeugt mit ihrem Spiel, nicht nur als Victors Mutter.
Dieter und Johannes Hallervorden übernehmen in jeweils mehreren Rollen die unterschiedlichen Adligen, die nacheinander das Zeitliche segnen, also jeweils drei bis fünf Rollen. Hallervorden Junior kann dabei sein komisches Talent unter Beweis stellen, der Senior hat die ganze Zeit Sprüche auf Lager, die sich allesamt auf die Wasserwelt beziehen („Der Dorsch ist forsch, aber die Qualle schafft alle“), die auch noch an anderer Stelle Bedeutung auf sehr plakative Weise bekommt.
Das Ende ist dann doch noch überraschend, Victor kommt frei und dann wieder doch nicht, dank ... Dies soll hier nicht verraten werden, schließlich hat das Stück ja schon auch was von einem Krimi ...
Das Publikum ist sehr angetan und dies vollkommen zu Recht, es gibt langen Beifall.
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