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Bildstarke Umsetzung des Romans
  · 15.06.19
Mit starken Bildern zeichnet Kay Voges in seiner Adaption von „Die Stadt der Blinden“, dem 1995 erschienenen Opus Magnum von Literaturnobelpreisträger José Saramago, den Zerfall der Zivilisation nach. Nach schleppendem Beginn kommen sowohl die Drehbühne als auch die Inszenierung in Fahrt: Mit geweohnt unermüdlichem Live-Kamera-Einsatz auf rotierender Drehbühne dokumentiert dieser etwas mehr als zweistündige Abend, wie die Erblindeten in einem Morast aus Kot und Kotze versinken.

Die von einer rätselhaften Epidemie Betroffenen wurden von den Machthabern in einer leerstehenden Psychiatrie interniert: von solchen Quarantäne-Maßnahmen träumten rechtspopulistische Politiker wie Peter Gauweiler auch zu Beginn der AIDS-Krise in den 80er Jahren. Hinter dem Stacheldrahtzaun, der das Publikum von Pia Maria Markerts Bühne trennt, die einer Psychiatrie im toskanischen Volterra nachempfunden ist, zerbröseln rasch die Fundamente der Zivilisation. Dort bildet sich das sadistische Terror-Regime eines selbsternannten Anführers (Maximilian Scheidt) im ersten Stock heraus, die dem Prekariat im Erdgeschoss nur gegen abgepresste Wertsachen oder erzwungene Sex-Dienstleistungen einen Anteil an den staatlichen Essensrationen abgeben.

In Großaufnahme wird die Abwärtsspirale in der „Stadt der Blinden“ live auf die Leinwand gebannt. Dies ist einer der seltenen Fälle, in denen Regisseur Kay Voges, der sich als Intendant der Volksbühne ins Gespräch gebracht hatte und nun mit dem Volkstheater Wien abgespeist wurde, für seine Form des digitalen Erzählens einen passenden Stoff fand. Seine früheren Arbeiten, v.a. „Parallelwelt“, krankten oft an akuter Substanzlosigkeit. Aus soziologischen und philosophischen Fragmenten zusammengesampelt entstanden verquaste Abende, die ihre Inhaltsleere mit Reizüberflutung zuzukleistern versuchten.

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