Kritik zuCharlys Tante
4.2/5
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Ja, bitte, danke
  · 09.04.19
Charlys Tante dürfte vielen Menschen ein Begriff sein. Zum einen hat diese Farce von Brandon Thomas mit ihrer Uraufführung im Jahr 1892 schon ordentlich Geschichte, wurde zum Beispiel mit Heinz Rühmann oder Peter Alexander auch verfilmt. Und da sie, was ihren Inhalt betrifft, nichts an Reiz verloren zu haben scheint, gehört sie zu den Klassikern in der Theaterlandschaft.
Nun hat sich auch das Schlosspark Theater des Stoffes angenommen und da die Tatsache, dass sich zwei Studenten eine Anstandsdame nehmen müssen, um ihre auserwählten Freundinnen zum Brunch treffen zu können, weil sie ihnen das Ja-Wort entlocken wollen, nicht mehr unbedingt der heutigen Realität entspricht, hat Regisseur René Heinersdorff aus den beiden jungen Frauen kurzerhand Personen mit Migrationshintergrund gemacht und aus deren Vater konsequenterweise einen türkischen Geschäftsmann, der seine beiden Töchter gut im Blick hat und mit Aykut Kayacik authentisch besetzt ist. In diesem Zusammenhang lässt ihn Heinersdorff auch jedes Klischee bedienen, Herr Spittigül gebärdet sich als typisch türkischer Macho, vor dem sich alle übrigen Männer auf der Bühne erstmal zurücknehmen.
Sein Gegenspieler Babbs, hier der Hausmeister eines Gewächshauses im Zoo, das den Geräuschen nach, die den Abend umwabern, auch im Urwald gelegen sein könnte, steht ihm aber in nichts nach. Im Gegenteil. Er wird von den Jungs ersatzweise flugs zur Tante aus Brasilien umgestaltet, die sich überraschenderweise für ein paar Tage später angesagt hat und die Anstandsdame spielen sollte. Und Markus Majowski ist ein echtes Glanzlicht des Abends. Er spielt diese Dame mit so viel Charme und Witz und wenn ihm Spittigül zu dumm kommt, wechselt er aus dem Frauenstimmen-Modus auch mal ganz flink in seinen männlichen Bass, um sich zu behaupten, wirklich lustig.
Heinersdorff hat nicht nur Bezüge zur Jetzt-Zeit hergestellt. Er nimmt das ganze Stück hier und da ein bisschen auf die Schippe, wenn sich Jack, einer der beiden Jungs, zu Charlys Tante fragt, ob das nicht ein Film mit Heinz Rühmann wäre. Oder Harry auch mal den Wagen holt. Johannes Hallervorden und Daniel Wobetzky als Jack und Charly machen ihre Sache auch gut, servieren auch noch eine Art türkische Pop-Hymne, die das Publikum mitreißt.
Das Stück erinnert zuweilen ein bisschen an eine Screwball-Komödie, es ist schnell inszeniert, aber das braucht es auch, sonst könnte sich der Humor nicht entfalten. Und Heinersdorff hat die Gefahr der Verstaubtheit erkannt und ihr mit seiner Inszenierung entgegengewirkt, Thomas Pekny hat mit seinem Bühnenbild eine interessante Atmosphäre für das Stück geschaffen. Ein gelungener Abend also, auch wenn Charlys Tante nunmal Charlys Tante bleibt.
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