3.0/5
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Multimediale und visuell überfordernde Materialschlacht
  · 01.04.19
''Wie eine Heilige in einer Art Martyrium durchstreift Sandra Gerling als Frau des Arztes immer wieder die Szenerie. Später schreitet sie wie die biblische Judith mit einer Schere zum Tyrannenmord, der einen Aufstand der Blinden und den Untergang des Irrenhauses in einem Brand zur Folge hat. Rauch wabert durch den Zuschauerraum, und das Gebäude geht in durch Video und Lichteffekte erzeugten Flammen auf. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, singt Rosemary Hardy und noch andere emotional geladene Songs. Einige wenige Szenen zeigen, neben dem Drang zu überleben, Not und Bedürfnis der Blinden nach zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie der Arzt (Christoph Jöde), den es zur blinden Prostituierten (Julia Schubert) hinzieht. Neben der Frau des Arztes steht hier vor allem der Mann mit der Augenklappe (Markus John) als Sinnbild ungebrochener Menschlichkeit. 

Die Drastik des Romans verlängert Voges nur durch die Drastik der Bilder von Schmutz, Fäkalien und Vergewaltigungsszenen in Videogroßformat. Das ist reines visuelles Überwältigungstheater, das mit seinen technischen Effekten der Wirkung des geschriebenen Wortes nicht traut. Ansonsten ist Saramagos Roman wie auch Voges Inszenierung eine schöne Studie menschlichen Verhaltens in absoluten Ausnahmesituationen und diktatorischen Systemen. Nur geht Saramogo in seinem auch als kritischer philosophischer Essay und Parabel über die menschliche Gesellschaft und deren Organisationsformen lesbaren Buchs wesentlich weiter als Voges ihm hier rein visuell folgen kann.'' schreibt Stefan Bock am 1. April 2019 auf KULTURA-EXTRA
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