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Höllenfahrt ins eigene Ich
  · 23.03.19
''Latellas Inszenierung knüpft an diese Vorstellung an. Alle sieben Figuren, die sich im Lauf des Stückes auf der kahlen Bühne einfinden, tragen dieselbe Kleidung, Jeans, gestreiftes Hemd, Lederjacke, sind ein und dieselbe Person, Täter und Opfer. Als sie Pasolini schon fast zu Tode geschunden haben, verwandeln sie sich in die wichtigsten Personen seines Daseins: die vergötterte Mutter etwa, die ihn im wahrsten Bildsinn am Schwanz gepackt hält. Das tut weh beim Zuschauen, ist aber auch irgendwie zum Lachen. Der ungeliebte, tyrannische Vater, der mit ihm um die Mutter rivalisiert. Der beneidete jüngere Bruder, der so viel besser Fußball spielt. Der sprechende Rabe aus seinem Film Uccellacci e uccellini, ein marxistischer Philosoph - ebenfalls ein Alter Ego. 

Die Szenerie steigert sich mit musikalisch stampfenden Rhythmen und Gesang zu einer Art Totentanz, zu einem grotesken Ballett der Selbstentblößung: plötzlich sind die Figuren nackt – vor den Zuschauern, aber vor allem vor sich selbst. Wasser stürzt von oben über das graue Auto, dessen Scheinwerfer verzweifelt blinken. Es wird das einzige Wesen sein, das Mitleid zeigt. Mit seinen alten Scheibenwischern reibt es sich die Tränen aus den Augen, bzw. von der Frontscheibe. Lächeln – und Schweigen. (...)

Auch wenn einige Buhs in die ausgedehnten Gewalt- und Sexszenen platzen. Die ersten rufen schon nach der vierten Wiederholung des Mordes „Aufhören“! Doch als am Ende alle (durchweg fulminanten) Darsteller im schwarzen Anzug und Fliege vor das Publikum treten, viel Beifall – auch für die Dramaturgin Laura Olivi und den Regisseur Antonio Latella. Ein Abend voller Emotionen und Assoziationen. Bloß nicht denken! Fühlen!'' schreibt Petra Herrmann am 23. März 2019 auf KULTURA-EXTRA
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