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In der Grabkammer der Familie
  · 09.03.19
Familie bedeutet Zerstörung. Davon zeugen die drei Familiengeschichten ( den Theaterstücken "Vor dem Ruhestand", "Ritter, Dene, Voss" und dem Roman "Die Auslöschung. Ein Zerfall"), die Thomas Bernhard geschrieben hat und die Regisseurin Karin Henkel nun im Schauspielhaus zu einem Horrorkabinett zusammengefügt hat. Die Konstellationen sind ähnlich: Jeweils zwei Schwestern ((Bettina Stucky, Gala Othero Winter, Angelika Richter, vegetieren in ihrem Elternhaus vor sich hin. Ihre Brüder (stets nur in der Einzahl vorhanden) kehren zu ihnen zurück. Einmal aus der Psychiatrie (Lina Beckmann), einmal von der Arbeit am Gericht (Andre Jung) und einmal aus Anlass der Beerdigung der Eltern aus Rom (Tilman Strauß). Die Schwestern bilden eine Schicksalsgemeinschaft, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Brüder haben sich zeitweise eine Auszeit erstritten, aus der sie nun zurückkehren. 
Bernhard ist der Überzeugung, dass die zerstörerischen Strukturen der Familie die Grundlage für das Erstarken des Faschismus bilden. Sie erschaffen die Basis, auf der der Nationalsozialismus gedeihen konnte. Die klaren Strukturen, in denen die Männer von den Frauen angehimmelt werden, die ihre Rolle duldsam ausfüllen. Ihre erlittene Unterdrückung geben sie an die noch unter ihnen Stehenden weiter, um sich ein Ventil zu schaffen. 
Wer in so einer Hölle aufgewachsen sind, kann nur selbst neurotische Störungen entwickeln. Er muss in die Fremde, in die Irrenanstalt oder in eine Fantasiewelt flüchten. 
Die Zusammenstellung von Henkel funktioniert erstaunlich gut. Wenn sich die drei Stücke parallel auf der Bühne in der schwarzen Familiengruft entfalten, greifen die Texte geschickt ineinander. Das ist faszinierend, hat aber den Nachteil, dass das Regie-Konzept fast wichtiger erscheint als die Psycho-Studien, die Bernhard eigentlich im Sinn hatte. Henkel sucht nach Generalisierungen und wird fündig. Doch die einzelnen Charaktere auf der Bühne werden bei dieser Analyse zu Beweisfiguren von Thesen. 
So sehr die Schauspieler auch glänzen, gegen diese Konzepthoheit haben sie keine Chance Einzigartigkeit zu generieren. So bleibt ein großes Schaudern, dass Franz-Josef Muraus (aus der "Auslöschung") Warnung am Schluss umso eindrücklicher werden lässt: Es sei bald wieder soweit, warnt er. Neue faschistische Umtriebe seien überall zu sehen. 

Birgit Schmalmack vom 18.2.19 

www.hamburgtheater.de
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