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Queere Shakespeare-Übermalung
  · 22.02.19
Ganz wie zu Shakespeares Zeiten werden hier alle Rollen von Männern gespielt, nur Isi Thiele schmuggelt sich mit ihrer Volksbühnen-typischen Live-Kamera hin und wieder dazwischen. Dafür besetzen Frauen alle Positionen hinter der Bühne:  Charlotte Brandhorst ist die Dramaturgin, Fanni Rau verantwortet das Bühnenbild, Zelal Yesiyurt, die selbst aus der „P14“-Gruppe hervorging, führt Regie, kümmerte sich um die Maske und entwarf mit Selma Schulte-Frohlinde die Kostüme, die phantasievoll mit Geschlechter-Stereotypen spielen. Luis Huayana spielt den Romeo mit Drei-Tage-Bart-Flaum und breitem Kreuz im rückenfreien, weißen Marilyn Monroe-Abendkleid.

Dieser Romeo liebt natürlich nicht ganz konventionell seine Julia, sondern einen Giulio (Anh Kiet Le). In der Shakespeare-Übermalung der experimentierfreudigen „P14“-Truppe im 3. Stock der Volksbühne ist das berühmteste Paar der Literaturgeschichte aber nur ein Nebenstrang.

Im Zentrum steht die unglückliche Liebe von Benvolio (Milan Herms) und Mercutio (Ben Engelgeer), die zueinander finden und sich doch verlieren. In der Shakespeare-Forschung wird seit längerem diskutiert, ob es sich bei diesen beiden Nebenfiguren nicht um ein schwules Paar handelt.

Im Stil eines antiken Chors mischen sich Eros (Emil Heusinger), Agape (Julian Winterstein), Ludus (Luis Krummenacher) und Pragma (Pepe Röpnack) kommentierend in die Handlung ein. Der Tonfall des 100 Minuten kurzen Abends schwankt zwischen jugendlicher Alltagssprache und philosophisch angehauchtem Pollesch-Light.

Die Grundidee, den Shakespeare-Klassiker mit einer queeren Lesart von sehr jungen Spielern auf die Bühne zu bringen, sorgt für einen unterhaltsamen Abend mit nur wenigen Längen in der zweiten Hälfte.

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