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Tarzan rettet Berlin
  · 12.01.19
''In Rücksprüngen geht es in die 1950er Jahre der schwierigen Kindheit Schleefs in Sangerhausen, die von Problemen mit Schule, Vater und Mutter, die Aufzeichnungen von ihm vernichten, oder Korrekturen in die Bücher eintragen, geprägt sind. Beschreibungen von Faschingsfesten, bei denen der Chor wieder über den Laufsteg defiliert, oder Schleefs Konfirmation, bei der sich der Leib Christi, Wein und echtes Blut von einem Biss in die Lippe mischen, wechseln mit Tagebucheintragungen von Schleefs ersten Erfahrungen in Westberlin Anfang der 1980er Jahre. Immer wieder enden seine Spaziergänge vor der Mauer. Schleef fühlt sich haltlos nicht dazugehörig: „Ich habe kein Deutschland gefunden.“ Kombiniert wird das mit einzelnen kurzen Solovorträgen, in denen sich die Beteiligten in individuellen Kostümen selbst als Außenseiter, keinem Geschlecht zugehörig, outen. 

Hier verschmelzen Schleefs Erinnerungs-Text und die gemeinsame Identitätssuche des Chors. In Marsch- und aufgelösten Tanzchoreografien wird der Zwiespalt von Gemeinschaft und Individuum sichtbar. Es werden Fahnen geschwungen, melancholische Songs gesungen. Einzeldarbietungen wechseln immer wieder mit dem Sprechen im Chor, wie es Schleef mit seiner Intension „meine Sprache gegen die andere zu setzen“ meinte. Das erfolgt nicht immer in der archaischen Wucht von Schleefs Theaterprojekten, die die jungen PerformerInnen sicher nur vom Hörensagen kennen dürften. Aber als Versuch eines rückblickenden Abgleichs mit dem Heute ist dieser Abend durchaus frisch, wenn auch nicht immer stringent. Es endet in einem Wust aus geschredderten Spruchbändern. „Deutschland ist weiß“ heißt dazu der passende Text von Einar Schleef. Ein Schuld-„Weißwaschung“ der speziellen Art beim Blick aus dem Flugzeug hoch über dem noch geteilten Land.'' schreibt Stefan Bock am 12. Januar 2019 auf KULTURA-EXTRA
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