4.5/5
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6 von 7 Personen fanden die Kritik hilfreich
Love is in the air
  · 10.12.18
Wenn ein unvoreingenommener Beobachter den Titel als Imperativ deutet und dahinter die Aufforderung wittert, sich bis zum Rand mit Sehnsucht vollzupumpen, hat er schon den ersten Minuspunkt kassiert. In Wahrheit wird hier eine Tankstelle vorgeführt, in der sich  eine bunt zusammengewürfelte Crew einfindet, deren Individuen eigentlich nur eins gemeinsam haben: die Sehnsucht nach Liebe in den unterschiedlichsten Lebenslagen. 

Regisseur Antoine Uitdehaag und Schauspieler Guntbert Warns zeichnen als Autoren verantwortlich für diese extrem fetzige Musikshow, deren textliche Wurzeln sich bis in Bibelworte und Shakespeare-Sonette zurückverfolgen lassen. Mehr als 30 Songs von den großen Namen dieses Genres sind in den Show-Mix eingearbeitet, und so kommen an diesem Abend auch Udo Lindenberg, Frank Zappa, John Lennon und Paul McCartney sowie Bob Dylan zu Wort, und sowohl Alkoholisches wie sanfte Drogen bekommen einen verklärenden Heiligenschein. 

Das Erstaunlichste und Hinreissendste ist die Perfektion, mit der die Akteure ihre Musiknummern abliefern. Lollo (Martin Schneider), Roadhammer (Hans-Martin Stier) und Selfmaid (Anika Mauer), der Professor-Doktor (Guntbert Warns) und die Princess-Bride (Kiara Brunken) sind am Mikrofon sämtlich überzeugend und fesselnd unterwegs.

Das liegt natürlich auch nicht zuletzt an der exzellenten Band. Die fabelhafte Percussion-Solistin  Annette Kluge drischt mit ihrem knalligen Beat die Song-Artisten vor sich her und darf anfangs auch ein kläffendes Hündchen mimen. Harry Ermer, diese Säule musikalischer Beiträge im Renaissance-Theater, hat diesmal ein Klavier unter der Theke und neben der Baßgitarre sogar eine Mundharmonika zur Hand. Jan Terstegen bringt mit virtuosen Glissandi seine Gitarre ins Spiel, und auch Guntbert Warns greift zu diesem Instrument. Den Gipfel der Vielseitigkeit demonstriert Martin Schneider, der neben Banjo, Gitarre, Saxofon und Baßgitarre auch noch eine Nasenflöte klangstark ertönen läßt. 

Viele liebevoll einstudierte Gags und Soli geben der Story zusätzlichen Schub. Wie Anika Mauer in ihrem schicken Trauerkleidchen versucht, eine erträgliche Schlafposition auf einem viel zu kleinen Tisch finden, ist ein besonderes Kabinettstückchen. 

Ein Extralob verdient die gelungene Verknüpfung individueller Lebenslagen mit den einzelnen Songtexten, die man übrigens auch anhand der Projektion gut verfolgen kann. 

Das pausenlose Dauerfeuer fetziger Musiknummern läßt nur gelegentliche Atempausen mit etwas nachdenklichem Charakter zu. Das hochgradig animierte Premierenpublikum rockt stationär auf den Sitzplätzen mit, und die belebende Wirkung der Songs macht auch vor den älteren Semestern nicht Halt. Am Schluß mischen sich in den rhythmisch brausenden Applaus gebieterische Rufe nach Zugaben. Es sieht ganz so aus, als ob das Renaissance-Theater seinem Dauerbrenner "Ewig jung" hier eine ähnlich lebenskräftige Inszenierung zur Seite gestellt hätte. 

Horst Rödiger

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