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Schauspielerinnenfutter mit pointierten Dialogen
  · 09.12.18
Schwabs Farce ist nicht nur glänzend gebaut mit gut geölter Dialogmaschinerie, sondern liefert auch exzellentes Schauspielerinnenfutter. Es ist eine Freude, Ute Hannig, Bettina Stuck und Lina Beckmann dabei zuzuhören und zuzusehen, wie sie sich über ihr verkorkstes Leben beklagen, in dem eine weggeworfene Pelzmütze oder ein Farbfernseher rare Höhepunkte sind, wie sie sich in ihre Phantasien hineinsteigern und schließlich nicht nur verbal zerfleischen.

Das starke Frauen-Trio verkörpert grotesk überzeichnete Figuren: Ute Hannig gibt die streng katholische, sich selbst kasteiende, verkrampfte Erna, eine Figur, wie sie auch Ulrich Seidl knapp zwanzig Jahre später in „Paradies: Glaube“ porträtierte. Bettina Stucky sitzt breitbeinig als Grete daneben. Sie war schon immer eine „Lustige“, wirft ihr Erna als vergiftetes Kompliment vor. Außer ihrem Schoßhund hat sie niemand in ihrem Leben, ist genauso einsam wie die ständig vor sich hin seufzende Erna, redet sich aber immer noch ein, dass sie eine unwiderstehliche erotische Anziehungskraft hat. Die dritte im Bunde ist Lina Beckmann als Mariedl, ein sehr einfach gestricktes Gemüt, die vom Leben nicht mehr erwartet, als dass sie den Dreck anderer Leute abräumen darf.

Kernstück des Abends ist die Dreifach-Phantasie eines Dorffestes: mit glühenden Wangen und glänzenden Augen steigern sich die Drei in ihre Illusionen hinein, wie aufregend ihre Zukunft werden könnte. Sie rutschen nervös auf ihren Stühlen herum, fallen sich gegenseitig ins Wort und vergessen einige Momente das schäbige, verqualmte Loch, in dem sie unter Abflussrohren hausen (Bühne: Ildi Tihanyi). Ausgerechnet Mariedl ist es, die den beiden anderen ihre Illusionen wie Luftballons platzen lässt und muss dafür sterben.

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo vertraut ganz auf die Stärke des Textes und seiner drei Spielerinnen und bietet im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses einen unterhaltsamen,  handwerklich tadellosen Abend, der mit Getrampel und „Zugabe“-Rufen belohnt wurde. Dass der Regisseur keine eigenen Akzente setzte, fällt deshalb weniger ins Gewicht.

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