Kritik zuDer Fremde
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Zärtliche Gleichgültigkeit
  · 03.01.18
Mit einem Schuss beginnt sich die Scheibe zu drehen, die in der Mitte der Publikumsarena steht. Wüstensand bedeckt sie zentimeterdick. Auf ihr stehen vier schwarz gekleidete Personen: drei Männer (Julian Greis, Mirco Kreibich, Daniel Lommatzsch) und eine Frau (Franziska Hartmann). Eine Tagebuchnotiz des Autors Albert Camus verrät warum: Seine Figur „Der Fremde“ Meursault baue sich aus drei Gestalten auf: „Zwei Männer, einer davon bin ich, und eine Frau.“

Meursault hat den Schuss abgeben. Auf einen Araber. Wie in einer Nahtoderfahrung spult Meursault alle Erlebnisse, da für ihn bis zu diesem Schuss wichtig waren, zurück. Dabei ist nicht eine Chronologie wichtig sondern allein die Kette seiner Erinnerung.

Warum der Schuss, wird er von seinem Pflichtverteidiger gefragt. Er kann weder ihm noch seiner übrigen Umwelt eine befriedigende Antwort geben. Ebenso bleibt er die gewünschten konventionellen Antworten auf andere Fragen schuldig. Zum Beispiel auf die, ob er bei der Beerdigung seiner Mutter Trauer empfunden habe. Er verweigert jede Heuchelei und setzt stattdessen auf Wahrhaftigkeit.

Meursault selbst hält das für normal. Doch den Geschworenen, dem Richter und dem Staatsanwalt beweist das nur seine Seelenlosigkeit und seine Schuld.

In der direkten Konfrontation zwischen den vier Schauspielern auf dem roten Sonnensand Algeriens ist kein Ausweichen möglich. Dennoch wird bis zum Schluss das tatsächliche Geschehen unklar bleiben. Einzig Erinnerungen Meursault bestimmen den Grad der Erkenntnisse. Auf das Warum sagt er zum Schluss: Die Sonne!

Nach seiner Schuldigsprechung muss er sich in seiner Einzelzelle mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen. Die Tröstung durch die Religion lehnt er konsequent ab. Auch wenn der Priester ihm gleich in dreifacher Ausführung gegenüber steht. Allmählich macht sich in ihm eine zärtliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben und Tod breit. Alles sei, wie es sei. Zufällig sei er zum Tode verurteilt worden, ebenso zufällig hätte er am Leben bleiben können.

Jette Steckel ist ein Meisterwerk gelungen. Sie hat nicht nur die Herausforderung der sperrigen Textvorlage gemeistert sondern sich gleich noch weitere gestellt: Der ständige Wechsel der Rollen in ihrer Inszenierung hätte das Verständnis erschweren können, stattdessen erhöht er es wunderbarerweise. Erst so kommen die inneren Diskussionen Meursaults angemessen zur Darstellung. Zusammen mit dem sparsamen und gezielten Licht- und Musikeinsatz ist hier eine brillante Umsetzung des existenzialistischen Romans Camus für die Bühne geschaffen, die Bewunderung hervorruft.

Birgit Schmalmack vom 3.1.18
www.hamburgtheater.de
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