Kritik zuSchnee
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Eingeschworene Gemeinschaft
  · 25.05.16
Wie ein Schneehaufen wiegen sie sich im Wind. Die Beleuchtung macht erst allmählich klar: Der weiße Masse besteht aus sechs hoch aufgetürmten langen weißen Haarnestern. Alle wiegen sich gemeinsam auf und ab. Mitglieder einer Sekte, einer Hippiekommune oder eines Hair-Musicals? Doch der Ort, an dem sie sich versammelt haben, ähnelt einer Moschee. Lautsprecher hängen von der Empore. Noch sind die Laubengänge offen. Zum Schluss werden sie mit Rollladen verschlossen sein. Der Freiräume sind genommen und die Ratlosigkeit greift um sich. Viel ist in der Zwischenzeit geschehen. 

Der Roman "Schnee" von Orhan Pamuk bildet die Grundlage der Überlegungen zum Thema Atheismus, Religiosität, Extremismus, Toleranz und Indoktrination. Der Journalist Ka kommt in ein kleines Dorf mit dem Namen Kars. Er soll recherchieren, warum einige Turbanmädchen Selbstmord verübt haben. Er spricht mit vielen Leuten im Ort. Alle diese Gesprächsfetzen werden von den sechs Haarwesen in durchsichtig scheinenden schwarzen Kleidern durchgespielt. In wechselnden Choreographien schließen sich zusammen, bilden kleine Untergruppen, stellen sich gegen einen oder zwei und formieren sich immer wieder neu. So erprobt der junge Regisseur Ersan Mondtag die Auseinandersetzung einer Dorfgemeinschaft mit Themen, die aktueller kaum sein können. Darf Säkularität und Fortschrittlichkeit verordnet werden? Wie wird die Offenheit in einer Diskussion unterstützt? Wie geht man mit dem vermeintlichen Wahrheitsmonopol der verschiedenen Seiten um? Ist offene Berichterstattung möglich? 

Mondtag macht es in seinen Zuschauern nicht einfach. Wer eine klar strukturierte Handlung erwartet, wird enttäuscht werden. Selbst die Diskussionen und Interviews sind nicht immer nachvollziehbar, da sowohl die Personen wie auch die Standpunkte ständig wechseln und die Gespräche ineinander fließen. Doch genau darin liegt auch der Reiz der Inszenierung. Mondtag traut seinen Zuschauern eine eigene Auseinandersetzung mit den angeschnittenen Themen zu. Er lässt sie zu einem Teil der Meinungsmassen werden. Sie müssen, wenn sie einen Gewinn aus dem Abend ziehen wollen, auch ihre Perspektiven ständig wechseln. Ein anstrengender, außergewöhnlicher und anregender Abend, der irritieren will und damit sehr erfolgreich ist.

Birgit Schmalmack vom 25.5.16
www.hamburgtheater.de
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