3.0/5
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Roadmovie im Kopf
  · 28.03.18
Sie sei normal, auch wenn die Ärzte das sicher anders sähen. Davon ist Lisa überzeugt. Genauso wie von ihren zahlreichen Fähigkeiten. Sie kann vieles. Sie kann mit ihrem Finger die Sonne anhalten und sogar ein Stück zurückschieben. Das beweist Birte Schnöink auch gleich auf der Bühne der Garage des Thalia in der Gaußstraße, indem sie den Scheinwerferstrahl auf der Rückwand nach ihren Wünschen ausrichtet. 

Lisa bewegt sich in ihrer Welt. Sie ist wie ein Cowgirl gekleidet, denn sie reitet durch ihr Lisa-Universum ohne große Selbstzweifel. Sie begegnet auf ihrem Trip durch die Wildnis kleinen Jungs und älteren Seebären. Ohne Berührungsängste und voller Selbstvertrauen stellt sich allen Herausforderungen, sei es welche durch Menschen, Hindernisse, Hunger, Nässe oder Kälte. 

Birte Schnöink spielt das vierzehnjährige Mädchen sehr überzeugend. Sie bewegt sich durch den kargen weißen Bühnenraum wie durch ein Experimentierfeld. So bleibt unklar, ob alle diese Ereignisse nur in ihrem Kopf stattfinden oder tatsächlich passieren. Letzteres erscheint eher unwahrscheinlich. Zu wenig werden sie ausgeschmückt. Zu rein bleibt die schicke Kleidung dieses Cowgirls in feiner Plisseebluse und weißen breitkrempigen Hut. So scheint dieses Mädchen nie auf die Realität zu treffen. Ihr Regen kommt aus dem Sprühpumper, ihre Sonne aus dem Scheinwerfer und ihr Wind aus dem Gebläse. 

Wenn zum Schluss zwei kleine Jungs und ein älterer Mann mit ihr im Gegenwind des Gebläses stehen, wirkt das wie ein ganz überzeugender Versuch die Beweise der Abenteuer-Geschichten nachzuliefern. Denn ausstaffiert sind sie wie kleine hyperrealistische Comicfiguren. Das Große-Weite-Welt-Gefühl der Tschick-Aufführungen, in denen zwei Jungen ähnliche Abenteuer erlebten, bleibt aus. So macht diese Inszenierung deutlich, dass Wolfgangs Hermanns letztes Buch ein Fragment geblieben ist, dem ein vorzeitiges unfreiwilliges Ende gesetzt wurde.

Birgit Schmalmack vom 28.3.18
www.hamburgtheater.de
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