Kritik zuAusser sich
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Wer bin ich?
  · 18.10.18
Die Bühne ist zu einem Spiegelkabinett geworden. Unter mehreren hinter einander verschalteten Torbögen windet sich eine Glasfläche in mehreren Teilfläche nach hinten und wirft so die Personen als Spiegelbild.mehrfach zurück Das ist genau die Ausgangslage für Ali. Sie weiß nicht, wo sie sich einordnen soll, wo sie hingehört, wer sie eigentlich ist. So steht sie gleich in vierfacher Ausführung auf der Spiegelbühne und ihr Hemd flattert vor Aufregung. 

Sie befindet sich auf dem Flughafen in Istanbul, was nur durch das Surren eines Ventilators vor einem Mikrofon deutlich gemacht wird. Sie ist in einer Transitzone des Lebens. So wie ihr ganzer bisheriges Leben eines war. Ihre Eltern haben sie aus Russland nach Deutschland gebracht, um der Familie und den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Anton zieht sie sich immer mehr in eine Schutzblase vor der unwirtlichen Welt zurück, vor den Fragen der neuen Umgebung, vor dem Streitereien ihrer Eltern, vor den überaus ehrgeizigen Erwartungen ihrer Mutter. Zusammen verkriechen sie sich unter die Bettdecke und vergewissern sich in dem anderen ihrer eigenen Identität. Doch dann verließ der Vater die Familie und stürzte in Russland von einem Dach in den Tod. Während Ali sich daraufhin ins Bett legte, mit der Decke über dem Kopf, bricht Anton aus, irgendwohin, wo seine Familie nicht ist. Ohne Ali einzuweihen, fährt er los. Nur eine Postkarte aus Istanbul an die Mutter gibt ein Lebenszeichen. Ali folgt ihm. Erst um ihn zu suchen, doch dann um sich selbst zu finden. Sie gerät in ein Istanbul der Club-, der Transvestiten-Szene, der Unruhen im Gezipark. Sie lernt Katho kennen, eine Frau, die gerne ein Mann wäre. Sie verliebt sich in sie und spritzt sich schließlich auch Testosteron. 

Regisseur Sebastian Nübling treibt das Verwirrspiel des Romans von Marianna Salzmann in seiner Inszenierung im Maxim Gorki Theater noch weiter. Auf der Bühne werden die Personen aufgespalten. Zum Verwechseln ähnlich sieht Ali ihrem Zwillingsbruder Anton. Das Zwillingspaar wird von Sesede Terzyan und Kenda Hmeidan als fast gleich große, schmale, kindliche, verschmelzende Figuren im Ringelpullover gespielt. Margarita Breitkreiz spielt die Katho, darf aber auch Alis Texte sprechen. Den älteren Anton verkörpert Mehmet Ateşçi. Bis das für den Zuschauer einigermaßen überschaubar wird, vergeht viel Zeit. Nur wer den Roman kennt, wird schneller verstehen, worum es hier geht. So konfrontiert Nübling auch den Zuschauer mit dem Gefühl der Orientierungslosigkeit. Er trifft damit gut den Ton der Textvorlage. Für eine Bühnenfassung, die auch für sich steht, wäre ein wenig mehr Orientierungshilfe wünschenswert gewesen.

Birgit Schmalmack vom 18.10.18 
www.hamburgtheater.de
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