Kritik zuGeächtet
4.0/5
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Eindrucksvollen Inszenierung von Nicolai Sykosch
  · 08.10.18
''Das ist bester, gehobener US-Boulevard, der aber trotz Patriot Act und einigen Kunstinsider-Jokes durchaus auch in Deutschland anschlussfähig ist. Besonders das Dresdner Bildungsbürgertum ist hier gehalten, sich in Zeiten von Pegida selbst zu befragen und entsprechend zu positionieren. Regisseur Nicolai Sykosch lässt das Stück auf karger Bühne (Stephan Prattes) spielen. Sie zeigt lediglich das New Yorker Upper-Eastside-Apartment der Kapoors mit kahlen Sichtbetonwänden, Tisch und einer Schaumstoffsitzgruppe. Die beiden Paare sind mit den langjährigen Ensemblemitgliedern Ahmad Mesgarha und Christine Hoppe als Amir und Emely sowie Gast Sabrina Ceesay und Raiko Küster als Jory und Isaac bestens besetzt. Amirs Neffe Abe wird von Yassin Trabelsi gespielt. Darstellerisch gibt es da kaum etwas auszusetzen. Stück-Dramaturgie und Timing stimmen, die Spitzen und Pointen sitzen wie die persönlichen Tiefschläge, die sich die Kombattanten gegenseitig zufügen. Besonders Ahmad Mesgarha kann den Wandel Amirs vom selbstbewussten Erfolgsanwalt zum sich zornig um Kopf und Kragen redenden Choleriker nachvollziehbar gestalten. In die Ecke gedrängt, manövriert er sich selbst immer weiter ins Abseits. Christiane Hoppe hat da ein paar große einfühlsame Szenen. Die anderen Rollen sind etwas zu sehr auf Typ Karrierefrau und selbstgerechter Kunstmanager getrimmt. 

Was hier natürlich unterschwellig immer mitschwingt, ist die Vergeblichkeit, die bürgerliche Fassade und Maske der Toleranz zu wahren, hinter der es mächtig brodelt und sich alte Ressentiments Bahn brechen. Am Beispiel Amirs vollzieht sich auch die Stigmatisierung des Außenseiters durch die westliche Mehrheitsgesellschaft in Form von Misstrauen, racial profiling und Betonung vermeintlicher Mentalitätsunterschiede. Einerseits führt das beim Neffen Abe zu einer sonst sicher vermeidbaren Forcierung einer religiösen Radikalisierung und im Fall von Amir zur vollkommenen Auflösung seiner Existenz und Ausstoß aus der Gesellschaft, was das Stück durch die Sichtbarmachung von Ambivalenzen in der Gesellschaft verdeutlicht. Ein fragiler Schwebezustand, der immer wieder zu kippen droht. Sehr viel deutlicher muss die Inszenierung da nicht mehr werden.'' schreibt Stefan Bock am 8. Oktober 2018 auf KULTURA-EXTRA
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