Kritik zuDie Gerechten
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Verqualmte Veralberung des Ideendramas von Camus
  · 30.09.18
Was bei Camus noch als sehr ernsthafter Diskussionsbeitrag für den Salon-Disput linker Pariser Intellektueller gedacht war, ob revolutionärer Terror ein legitimes oder gar notwendiges Mittel auf dem Weg zu einer gerechteren, sozialistischen Gesellschaft ist, wird bei Baumgarten zu einem mäßig unterhaltsamen Typen-Kabarett linkischer, stotternder, vor sich hinwurstelnder Figuren, denen man nie und nimmer die Tatkraft für einen Terrorakt zutraut und erst recht nicht den geistigen Hintergrund, um die rechts- und politiktheoretischen Diskurse zu führen, die Camus ihnen in den Mund legte.

Aus dem Lese- und Ideendrama des französischen Existentialisten wird ein ebenso zielloser wie verqualmter, mit zwei Stunden angesichts der konzeptionellen Lücken der Regie deutlich zu langer Abend, der immerhin manche Stellen zum Schmunzeln hat, z.B. einen Auftritt von Jonas Dassler als Geheimpolizist Skuratow im vierten Akt.

Zwischen den Akten, die in Stummfilm-Manier jeweils durch große Schrifttafeln zu Klavierbegleitung angekündigt werden, treten die Spieler*innen kurz aus ihren Rollen und frontal an die Rampe, schlüpfen in blau-weiß-gemusterte Overalls und beballern das Publikum mit einem Schnipsel-Gewitter aus Fremdtexten von Walter Benjamin über Jaques Lacan bis Slavoj Zizek. Der Abend hätte tatsächlich noch zu großer Form auflaufen können, wenn er all die Spuren, die er wie Konfetti ausstreute, ernsthaft verfolgt hätte. Stattdessen fielen „Die Gerechten“ nach dem philosophisch-soziologischen Intermezzo nur wieder in die nächste Runde der Camus-Parodie zurück. Die Spieler*innen mussten sich und uns mit angestrengter ironischer Distanz durch den nächsten Akt eines Textes quälen, der in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Staub angesetzt hat und mit dem Regisseur Sebastian Baumgarten bis auf Veralberung sichtlich wenig anfangen konnte.

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