4.7/5
Bewertungen: 6
Rezensionen: 4
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2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Geschichtsunterricht bühnenreif
  · 10.09.18
Das Steglitzer Schlosspark Theater hat seine 10. Spielzeit mit geschichtsträchtiger Kost eröffnet.
„Der Stellvertreter“, 1963 als Uraufführung von Erwin Piscator, Regisseur und damaliger Intendant der freien Volksbühne, inszeniert, erfuhr nun eine radikale Bearbeitung durch Regisseur Philip Tiedemann, der den Stoff nicht zum ersten Mal auf die Bühne brachte und das Dokumentationsstück von Dramatiker und Schriftsteller Rolf Hochhuth mit 45 Personen in fünf Akten in ein dichtes Kammerspiel mit acht Szenen und ebenso vielen Schauspielern verwandelt hat.
Zum Inhalt: Das 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossene Reichskonkordat, das übrigens weiterhin Gültigkeit besitzt und die gegenseitige Nichteinmischung bzw. den Schutz beider Vertragspartner regelte, macht dem jungen Pater Riccardo Fontana (Tilmar Kuhn) zu schaffen, der die unguten Auswirkungen bei seinem Besuch in Berlin erfährt. Fortan versucht er, das Oberhaupt der katholischen Kirche von Deportation und Judenvernichtung in Kenntnis zu setzen, scheitert währenddessen aber schon immer wieder am Kardinal (von Martin Seifert überzeugend zynisch gespielt). Mit Unterstützung des SS-Sturmbandführers und Doppelagenten Gerstein (Oliver Nitsche) wird er schließlich beim Papst (Georg Preusse in langer Schlussszene) vorstellig, muss aber leider erkennen, dass dieser sich lediglich als Stellvertreter der Kirche behauptet und sich aller notwendigen Verantwortung entzieht.
Was dazu führt, dass Fontana sich den Deportierten anschließt und selbst in Auschwitz ums Leben kommt, somit aber seinem Verständnis eines Stellvertreters Christi in größter Konsequenz Rechnung trägt.
Entsprechend ist auch das Schlussbild gestaltet, das das gesamte Ensemble zusammengepfercht in einem Zug Richtung Konzentrationslager fahren lässt. Einheitlich in entsprechender Lagerkleidung tritt es dann auch zum Applaus auf die Bühne, ein abschließend bedrückendes Zeichen der Inszenierung.
Dass die umstrittene Rolle, die Papst Pius XII. während des Dritten Reiches einnimmt, noch längst nicht verarbeitet war und ist, bestätigt sich im Umgang mit dem Stück, das viele Widerstände und diplomatische Verwicklungen erfuhr, wohlgemerkt in den 60er Jahren! Zum Beispiel ist die Bundesrepublik damals vom Vatikan aufgefordert worden, gegen den Stoff vorzugehen.
Inzwischen ist das Theaterstück in 28 Sprachen übersetzt und in über 100 Städten gespielt worden, eine Filmfassung gibt es auch.
Die Kürzung der langen Originalfassung war sicher nicht ganz einfach. Es ist Tiedemann aber gelungen, den Stoff schnörkellos zu konzentrieren. Dank des durchgängig überzeugenden Ensembles und eines atmosphärisch bedrückenden Bühnenbildes (Stephan von Wedel) mit großen sich drehenden Rahmen und einer zweiten Ebene von Schattenspielen vom Bühnenhintergrund auf eine davor platzierte Projektionsfläche, die die starke Dialoglastigkeit des Stückes angenehm unterbrechen, ist dem Publikum eine auf die Bühne gebrachte abermals wenig ruhmreiche geschichtliche Epoche der katholischen Kirche intensiv dargebracht worden.

Und es schien begeistert, der Applaus war langanhaltend, auch als der 87-jährige Rolf Hochhuth auf die Bühne trat, ja fast gedrängt werden musste, schnell war er wieder verschwunden. Das Ensemble aber zeigte sich immer wieder, das Publikum hörte ja nicht auf zu klatschen...
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