4.7/5
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Das Schweigen des Papstes
  · 09.09.18
Als der junge Autor Rolf Hochhuth 1958 in Rom sein Stück „Der Stellvertreter“ vollendet hatte, wollte zunächst kein Verleger das Werk annehmen. Grund war die politische Brisanz des Stoffes, die Dramatisierung der Frage, warum Papst Pius XII., „Stellvertreter Christi auf Erden“ und höchste moralische Instanz der katholischen Kirche, zu der Deportation und Ermordung von Zehntausenden von Juden geschwiegen habe, die in den Konzentrationslagern der Hitlerdiktatur ums Leben kamen. Erst der Verleger Ernst Rowohlt nimmt es an und bietet es zur Aufführung dem gerade nach Deutschland zurückgekehrten Regisseur Erwin Piscator an, der es 1963 im Berliner Theater am Kurfürstendamm herausbringt, dem damaligen Domizil der Freien Volksbühne.

Die Öffentlickeitswirkung des Stückes ist in der Folge explosiv im erwarteten Umfang, und neben Bewunderung und Zustimmung sind vor allem Proteste zu vernehmen. Die Meinungsäußerungen kommen von Publizisten und Philosophen, und auch die Medien bis hin zu Fernsehen und Film nehmen sich des Themas an. Umstritten ist vor allem der Umstand, daß Hochhuth einen semi-dokumentarischen Darstellungsstil wählt, in dem sich real existierende und fiktive Rollen und Positionen mischen. 

Ziemlich genau 60 Jahre nach Fertigstellung des Stückes unternimmt es nun der Regisseur Philip Tiedemann im Schlosspark Theater Berlin, den ursprünglichen Fünfakter mit 45 Figuren zu einer Folge von acht Szenen für sieben Schauspieler umzuformen, was den Charakter einer Straffung und Verdichtung hat, die der Plausibilität und suggestiven Wirkung zugute kommt. Klarer als zuvor wird nun der fundamentale Antagonismus der Ideen herausgearbeitet, der letztlich für die auf den ersten Blick rätselhafte Zurückhaltung des Papstes verantwortlich war. Stephan von Wedel baut dem Regisseur eine Bühne, deren optische Wirkung von monumentalen, düsteren Bilderrahmen beherrscht wird, die sich mit Unterstützung der kleinen Drehbühne gegeneinander verschieben lassen. Reizvoll auch die Schattenspiele aus dem Bühnenhintergrund auf eine davor platzierte Projektionsfläche.

Erhalten bleiben in der neuen Fassung die beiden Leitfiguren des moralischen Widerstands, der Pater  Riccardo Fontana (Tilman Kuhn) und sein Unterstützer, der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein (Oliver Nitsche). Beide artikulieren zunächst bei unterschiedlichen Gelegenheiten ihre Fassungslosigkeit angesichts der Auschwitzer Mordmaschine, und der Pater verheißt voreilig, er werde den Heiligen Vater zu einem lauten und vernehmlichen Protest bewegen. Der Apostolische Nuntius in Berlin (Mario Ramos) weist ein derartiges Ansinnen zurück. Erstmals treten die Eckpunkte der Haltung des Vatikans im Gespräch des Paters mit seinem Vater Graf Fontana (Joachim Bliese) und dem Kardinal (Martin Seifert) zutage. Letzterer versteht es blendend, mit als Weisheit getarnter Selbstgefälligkeit und salbungsvollen Worten die vatikanische Position zu umreißen, die vor allem der Staatsraison folgt und durch Nichtstun alle diplomatischen Türen offenzuhalten bemüht ist. 

Nach der Pause dann die große Szene beim Heiligen Stuhl, in der Papst Pius (Georg Preusse) den jungen Pater zusammen mit dessen Vater empfängt. Georg Preusse, hier bar aller„Mary“-Reminiszenzen, zeichnet eine höchst selbstsichere Autorität, der diplomatisches Taktieren längst zum Leitmotiv geworden ist und die sich aus ihrer moralischen Mitverantwortung durch bescheidene Hilfsgesten zu befreien sucht. 
Am Schluß des Stückes steht durch eine rasche Verwandlung aller Akteure ein Standbild, das an die Toten erinnert, die im Lager Auschwitz umkamen, ehe es durch die vorrückende Rote Armee befreit wurde. 

Das Publikum quittiert die konzentrierte, mitreissend inszenierte Aufführung mit begeistertem, langanhaltenden Beifall, der sich noch steigert, als auch der inzwischen 87jährige Autor Rolf Hochhuth die Bühne betritt. Intendant Dieter Hallervorden knüpft mit dieser Präsentation an die erfolgreiche, große szenische Tradition seiner Spielstätte an. 

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