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Verhängnisvolle Rivalität
  · 29.05.18
Gaetano Donizettis Oper fußt auf dem Libretto von Giuseppe Bardari, das sich wiederum auf Friedrich Schillers im Jahre 1800 uraufgeführtes Drama „Maria Stuart“ stützt. Anfangs war der Erfolg dieser Oper durch mancherlei aufführungstechnische Mißgeschicke belastet. Auch die eigentliche Uraufführung 1835 am Teatro alla Scala in Mailand mit der berühmten Maria Malibran in der Titelrolle  konnte das Schicksal dieses Bühnenwerks nicht wenden, das nach der Mailänder Premiere für 123 Jahre in der Versenkung verschwand. Erst 1958 gab es quasi eine Wiedergeburt in Donizettis Geburtsort Bergamo, und diesmal wurde daraus die Initialzündung für einen Siegeszug. 

Eine konzertante Aufführung, wie sie jetzt  von der Deutschen Oper Berlin ins Programm genommen wurde, hat Vorzüge und Nachteile. Ohne Kulissen, Kostüme und Masken fehlt ein guter Teil der Elemente, die normalerweise den Reiz einer Opernaufführung ausmachen. Zur Imagination der Spielorte und der Charaktere der handelnden Personen bleibt der Zuschauer ganz auf seine Phantasie angewiesen. Dafür konzentriert sich aber diese Aufführungsform auf die musikalische Gestalt des Werkes, und es entfallen  jene inszenatorischen Exkurse, die der aufgeführten Oper häufig eine ganz neue, gelegentlich sogar als fremd empfundene Gestalt geben. Man kann also ohne Übertreibung sagen, dass die konzertante Aufführungspraxis manches Mal den Zugang zum Kern des Werkes erleichtern kann, einmal ganz abgesehen von einem gewissen Entlastungseffekt für das Budget des Opernhauses. 

Die Deutsche Oper wählt für ihre konzertante Aufführung eine semi-szenische Form, was dieser stark emotionalen Auseinandersetzung zwischen zwei leidenschaftlichen und machtbewußten Frauen sehr zugute kommt. Keine statischen Solistenfiguren, die hinter ihren Notenpulten stehen und nach ihrem Auftritt wieder in der Seitengasse verschwinden, sondern quasi eine auf die Rampe reduzierte Spielfläche, auf der sich die handelnden Personen frei bewegen, wobei die beiden Thronkonkurrentinnen durch wechselnde Roben auch dem Auge des Zuschauers etwas bieten und so überdies ihre jeweilige Stimmung zusammen mit ihrem Rollenverständnis zum Ausdruck bringen. 

Die Handlung wird durch den elementaren Antagonismus zwischen der englischen Königin Elisabetta I. (Jana Kurucová) und der von ihr gefangen gehaltenen schottischen Königin Maria Stuarda(Diana Damrau) geprägt. Zwischen den beiden bewegen sich Graf Leicester (Javier Camarena), Lord Talbot (Nicolas Testé) und Sir William Cecil (Dong-Hwan Lee). Marias Hofdame Anna (Amira Elmadfa) begleitet sie auf dem Weg zum Schafott. Graf Leicester überredet Elisabetta, während der königlichen Jagd im Park von Fotheringhay einer Begegnung mit Maria Raum zu geben, die zuvor von Leicester flehentlich darum gebeten worden war, sich unterwürfig zu zeigen, um ihr Leben zu retten. Das Gegenteil geschieht: beide Frauen steigern sich in ausufernde Haßtiraden, und Marias Leben scheint nun endgültig verwirkt. Elisabetta unterzeichnet das Todesurteil und bestimmt Graf Leicester, der Hinrichtung Marias beizuwohnen. Maria legt in Gegenwart von Talbot eine Generalbeichte ab und spricht ein letztes Gebet, in dem sie auch Elisabetta verzeiht. 

Nach dem Grundgesetz der konzertanten Aufführungspraxis steht die musikalische Gestalt des Werkes im Vordergrund. Eine der  Überraschungen des Abends liefert die Mezzosopranistin Jana Kurucovà in der Rolle der Elisabetta. Was sie neben ihren stimmlichen Qualitäten der Rolle noch an Hoheit, Hochmut, leidenschaftlicher Zuneigung und kalter Entschlossenheit zu geben versteht, ist fesselnd und überzeugend. Ihr empfindungsstarker Widerpart ist das tragische Schicksal der Titelfigur Maria Stuarda, bei Diana Damrau mit ihrem sensiblen, ausdrucksvollen Sopran und einer reichen Palette gewandter Stimmakrobatik in besten Händen. Den ambivalent agierenden Grafen Leicester singt der mexikanische Tenor Javier Camarena mit Intensität und Hingabe. George Talbot ist der Bassist Nicolas Testé, der neben charakterlicher Aufrichtigkeit auch priesterliches Mitgefühl zu zeigen versteht. Der Bariton Dong-Hwan Lee ist schließlich mit kraftvoller Stimme der Parteigänger Elisabettas, der unverhohlen für Marias Hinrichtung plädiert. 

Den entscheidenden Akzent für die ausgereifte musikalische Gestalt dieser Aufführung liefert allerdings der Dirigent Francesco Ivan Ciampa, dessen musikalische Leitungsfunktion sich hier zur regelrechten Gestaltungsrolle erweitert. Sein fein abgestimmtes Instrumentarium der Zeichengabe kann sekundenschnell von leiser Zurückhaltung zu volltönender Konsonanz von Chor und Orchester wechseln, und da er in unmittelbarer Nähe der singenden Solisten agiert, vermag er Einsätze und Tempi in müheloser Perfektion zu koordinieren. Ein bemerkenswerter Einsatz sowohl für den Dirigenten wie für den von Jeremy Bines mit Sorgfalt vorbereiteten, besonders im letzten Akt eindrucksvoll auftretenden Chor. 

Viel Beifall für einen bewegenden Opernabend mit einem hervorragend besetzten Ensemble. 

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