4.7/5
Bewertungen: 3
Rezensionen: 3
Alle Kritiken ansehen.
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Eine listige Groteske
  · 20.04.18
Auf den ersten Blick wirkt es fast etwas frivol, eine solche Story  in einem Augenblick zu präsentieren, da sich vielfach die argwöhnische Mutmassung regt, der Antisemitismus könnte ausgerechnet in Deutschland erneuten Zulauf haben. Mag dieses zeitliche Zusammentreffen nun Zufall sein oder nicht - auf jeden Fall ist dieses Stück hochaktuell. 

Die erste Überraschung legt sich, wenn man erfährt, dass der Autor der Romanvorlage zur Neuinszenierung von „Der Nazi und der Friseur“ bei den Berliner Vaganten, Edgar Hilsenrath, selbst jüdische Wurzeln hat, der Todesmaschinerie des Dritten Reichs entkommen ist und dann über Palästina und die USA nach Berlin gelangte, wo er heute lebt. Judith Kriebel und Gerhard Seidel haben aus dem 1977 in deutscher Sprache erschienenen Roman eine Bühnenversion erstellt, die nun in der Regie  von Hajo Förster und mit der Ausstattung von Olga Lunow auf die Bühne des kleinen Theaters an der Berliner Kantstraße kommt. 

Einmal mehr ist das Bühnenbild auf das Nötigste beschränkt, um den knappen Aktionsraum nicht mehr als nötig einzuschränken. Ein paar gelbgetönte Holzrahmen in wechselnder Position sowie zwei flache Truhen genügen, um zusammen mit einer ganzen Farbpalette von  Kämmen als Requisiten die verschiedensten Spielorte und Situationen assoziativ vor Augen zu führen. Die intelligente Lichtregie unterstützt die Gliederung der Handlung. 

Zwei Akteure teilen sich sehr effizient und überzeugend die szenische Hauptaufgabe, eine fiktive Geschichte in greifbare Nähe zu rücken, in der die Absurdität mancher Lebensläufe jener Jahre auf die Spitze getrieben wird. In einem schlesischen Städtchen, wo Christen, Juden und Andersgläubige friedlich zusammenleben, treffen Max Schulz und Itzig Finkelstein aufeinander, erst als Schulfreunde, später als Friseurlehrlinge. Dann kommen die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, und die feurige Rhetorik des Führers Adolf Hitler entfacht den stets glimmenden Antisemitismus zur hellen Flamme. Max Schulz tritt in die SS ein und tötet als Wachmann eines Konzentrationslagers seinen Schulfreund Finkelstein und dessen ganze Familie. Als er einen Weg sucht, dem Strudel des Untergangs bei Kriegsende zu entgehen, kommt er auf den Gedanken, Finkelsteins Identität anzunehmen und als nunmehr Jude nach Palästina auszuwandern. Dort sammelt er Punkte als radikaler Kämpfer für den Staat Israel und geachteter Besitzer eines Friseursalons. Während der Schiffspassage nach Palästina hatte er einen jüdischen Amtsgerichtsrat Richter kennengelernt, dem er später bekennt, der gesuchte Massenmörder Max Schulz zu sein. Das Urteil des Juristen, voll bitterem Sarkasmus: angesichts der Ungeheuerlichkeit der Mordtaten, die alle Maßstäbe einer Sühne sprengen, kommt am Ende nur Freispruch in Frage. 

Oliver Dupont und Andreas Klopp stellen in springlebendiger Wandlungsfähigkeit die erforderlichen Charaktere auf die Bühne: Max Schulz und Itzig Finkelstein, den Amtsgerichtsrat und zahlreiche Randfiguren, teils im  Schweiße ihres Angesichts und mit ständiger Umbauverpflichtung. Das Ganze ergibt einen sehr eindrucksvollen Abend mit schauspielerischen Leistungen besonderer Finesse. Erneut wird dabei einem unauslöschlichen Abschnitt der deutschen Geschichte der Spiegel vorgehalten. Wer sich nicht zu erinnern wünscht, dem wird diese Aufführung eher weniger Vergnügen  bereiten. Wer aber die Konfrontation mit der Historie nicht scheut, kann Bekanntschaft schließen mit einer dialogorientierten, listigen Groteske über eine Zeit, in der die absurdesten und ethisch zweifelhaftesten Verwandlungen zum Alltag gehörten. Viel Beifall für einen fesselnden, sehr anregenden Theaterabend. 

http://roedigeronline.de
War die Kritik hilfreich?