3.1/5
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In die Abgründe des eigenen Selbst
  · 16.04.18
''Höhepunkt des Abends ist jedoch eine komische Szene: Der verbissene, sauertöpfische Astrophysiker und sein smarter, glatter Bruder liefern sich ein Tennismatch in Zeitlupe, mit unsichtbaren Bällen. Wie sie Freundlichkeit und Fairness vortäuschen, sich aber bis aufs Blut bekämpfen, jeder Aufschlag ein Tiefschlag in die Weichteile, jeder Schuss ein Treffer in die Magengrube, das ist in aller präzise inszenierten Boshaftigkeit sehr amüsant. Und spricht Bände über den erbitterten Konkurrenzkampf der Brüder.

Dem Publikum hält Ronen hier jedoch nicht den Spiegel vor. Denn die Motive der Figuren bleiben unterbelichtet. Wenn Magda dem Halbbruder David die Narben zeigt, die sie sich beim Schneiden mit Glasscherben und Rasierklingen selbst zugefügt hat, und munter beschreibt, welcher Schnitt bis auf die Knochen ging und welcher nur durchs Fettgewebe, dann ist das letztlich nichts als Effekthascherei mit Gruselfaktor. Man sieht Menschen, die sich oder andere abgründig verletzen – doch Ronen scheint nur auf die bitterbösen Pointen aus zu sein. Über das Innenleben der Figuren erfahren wird so gut wie nichts.

Noch dazu inszeniert sie den Abend als braves, konventionelles Konversationsstück mit Krimi-Elementen. Das lässt sich locker als Popcorn-Theater wegkonsumieren, man schaudert über diese deformierten Leute, lacht über sie – aber in die eigenen dunklen Abgründe führt einen nichts. Da ist man bei Yael Ronen, die nicht ohne Grund die Gruppentherapeutin unter den Theaterregisseuren genannt wird, doch viel Stärkeres, Tiefschürfenderes und Kontroverseres gewohnt.'' schreibt Barbara Behrendt auf kulturradio.de
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