Kritik zuLa Bohème
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Mimi halbszenisch
  · 01.01.18
Wassermangel ist eine Not. Mit Wasser im Überfluss geht es aber nicht viel anders. Das widerfuhr der Deutschen Oper Berlin, als am Heiligabend des Jahres 2017 aus derzeit noch ungeklärter Ursache die Sprinkleranlage des Hauses losbrach und den gesamten Bühnenraum unter Ströme von Wasser setzte. Ein Feuer hatte es zum Glück nicht gegeben, aber was diese Wasserflut auslöste, war nicht viel besser. Auf einen Schlag waren alle technischen Funktionen lahmgelegt, die man für eine gut funktionierende Opernaufführung benötigt. Zum Glück dauerte die Schrecksekunde nur eine kurze Frist, dann waren die Nothelfer im Einsatz und unternahmen erste Schritte zur Trockenlegung. Einige Vorstellungen mussten abgesagt werden. Für andere, darunter die Silvesteraufführung von Puccinis „La Bohème“, wurde eine als „halbszenisch“ bezeichnete Lösung gefunden. Die Geistesgegenwart, mit der diese Spielplanänderung bewältigt wurde, ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Hauses an der Bismarckstraße. 

Wir haben uns die Nachmittagsvorstellung ausgesucht, weil das besser in unsere Tagesplanung paßt und wir die Erfahrung gemacht haben, dass diese vorgezogenen Aufführungen von gleicher Qualität wie die Bühnenereignisse des folgenden Abends sind. Intendant Dietmar Schwarz tritt persönlich vor den Vorhang und erinnert noch einmal an den Schicksalsschlag mit dem Wasserschaden. Er kann aber auch mitteilen, dass es den gemeinsamen Anstrengungen der Helfer gelungen ist, nahezu alle dadurch verursachten Mängel wieder zu beheben, bis auf das Funktionieren der Scheinwerfer aus der Höhe des Bühnenturms. Von der angekündigten, wie auch immer definierten „halbszenischen“ Produktion bleibt demnach fast nichts übrig - lediglich auf ein allerletztes Glanzlicht von oben muss eben verzichtet werden.

So entrollt sich nun die 119. Aufführung von Götz Friedrichs Inszenierung aus dem Jahre 1988 unter der auffrischenden Spielleitung von Gerlinde Pelkowski und bezaubert von Anfang an in bewährter Weise. Das Orchester unter der Leitung von Nicholas Carter agiert in großer Besetzung, wirkt bisweilen etwas knallig laut, bringt aber auch die zarten, die leidenschaftlichen Passagen von Puccinis stimmungsvoller Partitur einfühlsam zur Geltung. Im ersten Bild, dem Atelier in der Mansarde, ist von Lichtmangel nichts zu bemerken. Das zweite Bild mit dem bunten Treiben vor dem Café Momus lässt allenfalls für Experten erkennen, an welcher Position womöglich ein Scheinwerfer fehlt. Lediglich die am Ende durchmarschierende Wache, so meint man, wurde vor der Sintflut noch etwas besser aus der Höhe ausgeleuchtet. Das nächste Bild am Stadtrand ist sowieso von etwas düsterer Stimmung bei Schnee und Kälte geprägt, und das vierte Bild spielt wieder in einer Mansarde, die allerdings etwas anders aussieht als zu Beginn. Aber auch hier ist kein Lichtmangel festzustellen. 


Die heimliche Überraschung dieser Vorstellung ist die Besetzung der Hauptpartien. Mimi ist Dinara Alieva, aus Aserbaidschan stammend, ein wunderbar klarer, hell und warm getönter Sopran, der auch die herzbewegenden Augenblicke dieser Partie überzeugend und mit dem erforderlichen Nachdruck zu vermitteln vermag. Die Rolle ihres Partners Rodolfo singt der Armenier Liparit Avetisvan, hierorts ebenfalls ein vergleichsweise neuer Name, der aber auch schon in Sydney und London seine Meriten gesammelt hat. Die ersten Einsätze kommen eher etwas zurückhaltend, aber mit der Arie „Che gelida manina“ erweist sich, welch glänzendes Los das Publikum hier gezogen hat : ein echter Tenor, dessen tiefere Lagen eher etwas verhalten ansprechen, der aber über eine strahlend aufblühende, gleichwohl warm timbrierte Höhe verfügt, die zu keiner Zeit eng wird, sondern sich mit größerer Intensität immer mehr öffnet. Den beiden zur Seite die Bohemiens Schaunard (elegant und beweglich: Dean Murphy), Marcello (Noel Bouley) und Colline (mit der bewegenden Mantel-Arie)Ievgen Orlov), die treffend das Milieu der großen Worte und kleinen Mahlzeiten verkörpern. Den Mieteneintreiber Benoit singt Jörg Schörner, und Alexandra Hutton wird eins mit der Figur der leichtlebigen Musetta, die am Ende der sterbenden Mimi einen rasch erworbenen Muff schenkt. Musettas etwas ältlichen Verehrer Alcindoro spielt mit bewährter Präsenz Peter Maus, der diese Rolle noch in der folgenden Abendvorstellung ein zweites Mal verkörpern darf. Die von Thomas Richter einstudierten Chöre aller Altersklassen absolvieren ihren Part ohne Tadel.

Am Ende gibts reichen Beifall für ein gut abgestimmtes und spielfreudiges Ensemble und eine Aufführung, die den Launen der Technik erfolgreich trotzt und alle Vorzüge von Puccinis Werk überzeugend zum Klingen bringt. 

http://roedigeronline.de
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