3.4/5
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Milan Peschel zwischen Gentrifizierung und Wilhelminismus
  · 21.12.17
Mit seinem stets verschmitzt-melancholischen Blick, seinen hängenden Schultern und seinem Faible für Underdog-Rollen ist er eine exzellente Besetzung für den „Hauptmann von Köpenick“. Als kleines Statement zum Debatten-Aufreger der vergangenen beiden Jahre ließ er es sichb auch nicht nehmen, einen Stoffbeutel mit großem „Krise“-Aufdruck im typischen Fraktur-Schriftdesign des Castorf-Hauses über die Bühne zu tragen.
Zum Glück macht Jan Bosse aus Zuckmayers Tragikomödie keine Peschel-Show. Die besten Momente des Abends gelingen, wenn der Hauptdarsteller auf starke Gegenparts oder Sidekicks trifft. Für gute Unterhaltung ist dabei gesorgt.
Aber im „Hauptmann von Köpenick“ steckt natürlich noch mehr als nur eine nett zu konsumierende Satire auf den Wilhelminismus nach einer wahren, aber märchenhaft anmutenden Begebenheit im Jahr 1906. Als Zuckmayer dieses Stück 1931 schrieb und die drei Akte im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurden, marschierten die Braunhemden von SA und SS bereits durch die Stadt. Zwei Jahre später, nach der Machtergreifung, wurde das Stück, das auch eine deutliche Kritik am Gehorsamskult der Nazis ist, prompt verboten. Zuckmayer überlebte im Exil.
Wie kann man den Stoff heute auf die Bühne bringen, wenn man sich nicht auf Edel-Boulevard beschränken will? Recht naheliegend wäre eine Auseinandersetzung mit den Traditionslinien der Neuen Rechten. Regisseur Jan Bosse, sein langjähriger Bühnenbildner Stéphane Laimé sowie David Heiligers und Armin Petras, die am Text mitgearbeitet haben, konzentrieren sich jedoch weniger auf Militarismus und Drill, sondern rücken die Verzweiflung und soziale Verelendung des Schusters Voigt in den Mittelpunkt. Der Abend porträtiert ein Berlin, in dem sich die Schere zwischen Arm und Reich deutlich öffnet.
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