Kritik zuHeisenberg
4.3/5
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Die ungefähre Annäherung
  · 01.12.17
Ein herrliches Stück Theater zum Nachdenken. Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg tritt allerdings nicht als Person in Erscheinung. Die von ihm formulierte Unschärferelation dient lediglich sinnbildlich als Ausdruck für das Verhältnis zweier Menschen und den Zufall, der beide zusammenführt. Simon Stephens Schauspiel wurde 2015 in New York uraufgeführt. Die deutsche Version von Barbara Christ war  2016  im Düsseldorfer Schauspielhaus erstmals zu sehen. Regie bei der Berliner Präsentation hat Antoine Uitdehaag. Die Bühne von Momme Röhrbein wird von halbhohen übereinander getürmten weissen Blöcken beherrscht, die jeweils zum Szenenwechsel gegeneinander verdreht werden und so stets eine neue Position zueinander einnehmen. Auf den Bühnenhorizont werden als Intervallsignal gleichzeitig Videosequenzen von laufenden Menschengruppen projiziert. 

Georgie Burns (Susanna Simon) ist 42, Alex Priest (Walter Kreye) 75. In einem Londoner Bahnhof küsst sie ihn auf den Nacken mit dem Argument, sie habe ihn mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt.  Lauter kleine Schwindeleien wie diese eine führen die beiden näher zusammen. Sie ist weder Killerin noch Kellnerin, sondern Sekretärin in einer Londoner Schule, und er ist Metzger, aber durchaus wohlhabend. Nun umkreisen die beiden einander bei wechselnden Anlässen und gewinnen so schrittweise Kontur, indem sie wie in einem Puzzle immer weitere erklärende Details über ihr Leben offenbaren. Georgie tut dies mit etwas mehr Temperament und verwandelt sich äusserlich durch wechselnde Frisuren und Kostüme, Alex wahrt die Form und leistet sich später lediglich mal eine Jeansjacke. Die Annäherung der beiden vollzieht sich in mehreren Stufen, die Vertrautheit nimmt zu, überschreitet aber nie ein gewisses Maß. Sex steht dabei keineswegs im Vordergrund, auch wenn er natürlich nicht zu kurz kommt. 

Schliesslich stellt sich heraus, dass Georgie doch nicht ganz ohne Plan vorgeht. Sie hat einen Sohn, der nach Amerika ausgewandert ist und dort geheiratet hat. Sie bekam von ihm einen Abschiedsbrief aus New Jersey. Nun erbittet sie von Alex eine Geldsumme, um nach USA fliegen und dort nach dem verschwundenen Sohn suchen zu können. Beide unternehmen diese Reise, finden den Gesuchten aber nicht. Stattdessen bleibt die Frage nach ihrer Beziehung offen. Mehr als die bisherige unverbindliche Annäherung kommt dabei aber nicht heraus. Das Stück endet, wie es begann: zufällig.

Mittelpunkt und Impulsgeberin ist die Figur der Georgie, und Susanna Simon gibt diesem Charakter mit seiner Mischung aus Leichtsinn und Berechnung eine absolut glaubwürdige Form. Walter Kreye  ist ihr ruhiger, toleranter und hilfsbereiter Sparringspartner, der nicht einmal dann aus der Haut fährt, wenn ihm klar wird, dass Georgie seine langjährigen Tagebuchaufzeichnungen durchstöbert hat. Beide lassen in bewunderungswürdiger Einigkeit die spezielle Atmosphäre dieser Beziehung entstehen, die aus Zufällen geboren ist und nie in festgeschriebene Verpflichtungen mündet. 

Viel Beifall vom aufmerksam lauschenden Publikum für das Schauspielerduo und die suggestive Inszenierung. 

http://roedigeronline.de
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