Kritik zuHeisenberg
4.3/5
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4 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Wenn Phantasie auf Wirklichkeit trifft
  · 27.11.17
Großes Lob für Susanna Simon, alias „Georgi Burns“, die in der Rolle der zwanghaften Lügnerin (Pseudologin) nicht nur als hochkreative, phantasiebegabte Meisterin der Inszenierung,  sondern auch als fulminante Meisterin in dieser anspruchsvollen Sprech- und Bühnenrolle glänzt.
Ihr „Opfer“, der einsilbige grundehrliche, bodenständige Metzger Alex, der sein langes, 75-jähriges Leben, nie wirklich gelebt hat, weil er sich  den Zugang zu seiner Gefühlswelt durch sein traumatische Kindheit  systematisch versperrt hat, ist fasziniert von der Dreistigkeit ihrer Anmache. Er begreift ihre aufdringlichen Avancen schließlich – entsprechend ihrer Absicht – als seine letzte Chance, seine Gefühlsblockaden zu überwinden, die ihn zukünftig von seinen heimlichen unkontrollierbaren Heulattacken erlösen werden. Er folgt Georgis Phantasien - als Mann der Tat - in  eine für beide realisierbare Welt der persönlichen Gestaltung ihres Glücks. Nur noch die Gegenwart zählt; nicht mehr nur die gefühlte – sondern vor allem die gelebte.
Fazit: In diesem Stück bleibt ausnahmsweise mal der „Ehrliche nicht der Dumme“, weil es ihm am Ende nicht um besserwisserische das Entlarven von Lügengebäuden geht, sondern um die individuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit, die bewusst (um)gestaltet werden kann und jederzeit veränderbar ist – anolog zu Heisenbergs „Unschärferelation“
Dies als Titel zu wählen,  würde diesem Zweierbeziehungs-Workshop-Stück sicher auch aus Zuschauersicht zuträglicher sein anstatt „Heisenberg“.
Mir erschien das Stück, irre geleitet durch den Titel, zunächst als bloße „l`art pour l`art - Verwurstung“ einiger Heisenberg-Zitate.
Das wirklich thematisch tiefgründiger Interessante an diesem Stück ist jedoch zweifelsfrei der „bewegliche Wahrheitsbegriff“ Georgies.
Der Autor,  Simon Stephens, beschreibt hierin derartig zutreffend das Krankheitsbild der Pseudologie (krankhaftes Lügen),  so dass er, wie im Programmheft zu lesen ist, am Ende selbst „keine Ahnung“ mehr davon hat, was bei Georgi Wahrheit oder Erfindung ist.
Ich nehme daher an, dass er womöglich selbst keine Ahnung davon hat, wie meisterlich es ihm gelungen ist, eine ernst zunehmende psychotische Zwangsstörung mithilfe quantenphysikalischer Einsichten von „Wirklichkeit“ in eine katastrophenfreie Beziehungskomödie zu verwandeln.
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