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Stefanie Reinsperger schreit sich Seele aus dem Leib
  · 23.09.17
Eine starke Thalheimer-Inszenierung macht jedoch aus, dass er auch den Text radikal verdichtet. Seine „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater war dafür ein stilbildendes, berühmtes Beispiel. Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ fasst er dagegen mit Samthandschuhen an. Lag es an der Angst vor juristischen Auseinandersetzungen mit der Erbengemeinschaft des Dichters, wie sie z.B. Frank Castorf mit dem „Baal“ provozierte? Oder flößte es ihm großen Respekt ein, dass dieses Stück auf genau dieser Bühne am Schiffbauerdamm vom damaligen Hausherrn Bertolt Brecht höchstpersönlich im Oktober 1954 uraufgeführt wurde? Es hätte dem Abend jedenfalls gut getan, wenn Thalheimer die Handlung, die recht weitschweifig auf die berühmte Gerichtsverhandlung im Kreidekreis, wer das Kind Michel für sich beanspruchen darf, zumäandert, mit einigen Strichen weiter gestrafft hätte.
Dass dieser „Kaukasische Kreidekreis“ zu den schwächeren Arbeiten von Michael Thalheimer gehört, liegt aber vor allem an dem fast permanenten Brüllen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die E-Gitarre (Kai Brückner, Kalle Kalima) jault und zirpt. Die Schauspieler brüllen, schreien und röhren, um sich halbwegs verständlich zu machen. Dies gelingt aber nur eingeschränkt, vor allem ältere Zuschauer erkundigten sich bei ihren Sitznachbarn, was auf der Bühne gesprochen wurde. Zu den seltenen stillen Momenten, die in normaler Lautstärke gespielt werden, gehörten einige Soli der Hauptdarstellerin Stefanie Reinsperger. Der Ex-Burgtheaterstar wurde bei seinem Einstand in Berlin zurecht gefeiert und schreit sich die Seele aus dem Leib. Jede Normalsterbliche müsste die lädierten Stimmbänder tagelang schonen und mit Kamillentee gurgeln, sie wird morgen schon wieder als Grusche auf der Bühne stehen.
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