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Lebensgefühl Traurigkeit
  · 16.09.17
Er war eine literarische Sensation, der Roman „Bonjour Tristesse“, 1954 veröffentlicht von der damals 18jährigen Französin Françoise Sagan, von größter Anziehungskraft für das Lesepublikum. Gewiss nicht nur des Stils und der Story wegen, sondern eben auch wegen der dort geschilderten erotischen Freizügigkeit - eine für die Zeitgenossen noch ungewohnte Milieuskizze von einem ganz neuen Persönlichkeitsbild und Lebensgefühl.  Der Sohn der Autorin hat kürzlich das Hamburger St. Pauli-Theater autorisiert, die von Ulrich Waller erarbeitete Bühnenfassung der Romanvorlage in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen herauszubringen. Diese Ur-Aufführung ist nun im Berliner Renaissance-Theater zu sehen. 

Auf den spezifischen Reiz der französischen Sprachmelodie muss man in der Übertragung allerdings verzichten. Was von der Romanhandlung übrig bleibt, ist eine längere Folge kurzer Szenen, die jeweils durch Blackout voneinander getrennt sind. Eingangs und am Schluß steht ein Chanson in französischer Sprache, das gleichfalls auf den Begriff der „Tristesse“ Bezug nimmt und von der Schauspielerin der Elsa, Anneke Schwabe, vorgetragen wird. Unterwegs im Spiel setzt ein Instrumentaltrio aus Baritonsaxophon, Querflöte und Schlagzeug behutsam disponierte musikalische Akzente. Das Bühnenbild ist vergleichsweise einfallslos und besteht eigentlich nur aus Gazevorhängen und einer Fototapete. Regisseurin ist Dania Hohmann.

Die Konstruktion der gesamten Handlung ist ebenso einfach wie raffiniert. Schauplatz ist eine Villa an der südfranzösischen Mittelmeerküste. Josephin Busch ist die 17jährige Cécile, die mit ihrem Vater Raymond in einer „fast inzestuösen Vater-Tochter-Beziehung“ lebt, wie Übertrager Ulrich Waller im Programmheft formuliert. Raymond (Uwe Bohm) ist der geborene Frauentyp, und seine oft mit frühreifem Sarkasmus monologisierende Tochter bezeichnet ihn und sich selbst als „Nomaden“. Aus Paris hat Raymond Elsa (Anneke Schwabe) mitgebracht, zu der er sich  hingezogen fühlt, obwohl er solche Beziehungen nach einigen Monaten wieder zu lösen pflegt. Cécile lernt ihrerseits den jungen Cyril (Metin Turan) kennen, der sich später für eine amouröse Intrige bestens einsetzen lässt. 

Das Trio aus Cécile, Raymond und Elsa lebt in heiterer Belanglosigkeit vor sich hin, bis sich Anne (Annika Mauer) ansagt, eine frühere Freundin Raymonds aus verflossener Beziehung. Rasch entwickelt sich aus dieser Besuchssituation ein neues Techtelmechtel, das die angestammte Vater-Tochter-Beziehung zu gefährden beginnt. Auf einmal erklären Raymond und Anne, dass sie heiraten wollen, und nun läuten bei Cécile die Alarmglocken. Sie fädelt eine Verschwörung ein, indem sie absichtsvoll Elsa und Cyril miteinander flirten läßt in der berechtigten Erwartung, dass Vater Raymond es nicht ertragen wird, dass ein anderer seine Freundin Elsa besitzt und sich stattdessen ihr wieder zuwendet. Damit wäre die ältere, von Cécile als gouvernantenhafte Bevormunderin erlebte Anne aus dem Spiel, und das bisherige Leben könnte fortgesetzt werden. 

Gesagt, getan. Alles geschieht wie geplant. Anne streicht daraufhin empört die Segel und steigt zur Heimfahrt ins Auto. Wenig später erhält Raymond die telefonische Nachricht, dass Anne bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist. Die fatale Intrige hat funktioniert, aber an ihrem Ende herrscht Trauer und einer Rückkehr zu einem letztlich als öde empfundenen, allseits gesicherten Leben in gänzlicher, auch sexueller Freiheit steht nichts entgegen.

Im Mittelpunkt des Romans steht die junge Cécile, hinter der man wohl ein frühes Selbstporträt der Autorin Françoise Sagan vermuten darf. Ihre erfrischende, einigermaßen hemmungslose Lebensphilosophie war in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als beispiellos revolutionär erschienen, und das seinerzeit als „Tristesse“ bezeichnete Grundgefühl ist bis heute in der jüngeren Generation  anzutreffen. Wem in jungen Jahren alle Annehmlichkeiten des Lebens zufallen, ohne darum kämpfen zu müssen, sieht im weiteren Leben bisweilen eine von tiefer Traurigkeit geprägte Sinnlosigkeit. 

Viel Beifall vom Publikum der Berliner Premiere für eine Aufführung mit gut ausgewählten, treffend besetzten Schauspielern und eine reizvolle Begegnung mit einem Roman, der vor mehr als einem halben Jahrhundert die öffentliche Moral im katholisch geprägten Frankreich erheblich touchiert hat. 

http://roedigeronline.de
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