Kritik zuHamlet
4.4/5
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Intensiv
  · 23.09.16
Manchmal ist weniger mehr. Das Ensemble des Hexenbergtheaters tritt diesen Beweis bravourös an, wartet es doch mit genau drei Schauspielern für ein Werk auf, das eigentlich zehn Rollen vorsieht. Mit Hamlet, einem der meistgespielten Theaterstücke, hier in einer entschlackten, stark verkürzten und aktualisierten Fassung von Peter Kaempfe, geht das Theater in seine mittlerweile schon zweite Herbstsaison am neuen Spielort Pfefferberg. Dabei sind der Inszenierung noch zwei Rollen hinzugefügt, ein Zeremonien- und Hausmeister, beide an Komik kaum zu überbieten und am Ende nicht mehr wegzudenken.

Aber Kaempfe als Gründungsmitglied der Bremer Shakespeare Company ist bereits erprobt. Zusammen mit Kollegin Gabriele Blum lässt er in der Regie die Mischung aus Kriminal- und Liebesgeschichte und philosophischen Abhandlungen über den Sinn und Wert des menschlichen Lebens, die letztendlich das Schicksal entscheiden, ganz in Shakespearescher Manier höchst lebendig werden und das zumeist junge Publikum einen äußerst unterhaltsamen Abend erleben. Der schon oft „schwerer“ inszenierte Stoff kommt in dieser Fassung mit absoluter Leichtigkeit daher, ohne auf die Sprachkraft Shakespeares zu verzichten. Davon abgesehen sind Liebe, Leidenschaft, Macht, Loyalität und Verrat auch heute noch aktuelle Themen und die Frage Sein oder Nichtsein wird sich wohl auch auf ewig stellen.

Geschuldet ist diese erfolgreiche Inszenierung aber unbedingt auch den drei Schauspielern. Schnellste Wechsel der Rollen samt Kostümen und Mienenspiel, dazu artistische Darbietungen, etwa bei einer Zeitlupen-Schlägerei, werden ihnen abverlangt – beziehungsweise kommen sie wohl eher Können und Spielfreude entgegen. Der Funke zum Publikum springt schon gleich zu Beginn über, wenn Chevalier, der hinzu gedachte Zeremonienmeister, nervlich vollkommen zerrüttet, den Empfang für König, Königin und Hamlet vorbereitet – indem er dem Publikum dänische Fahnen übergibt und mit ihm den Majestätenjubel einstudiert. Abgelöst von Hausmeister Olsen, herrlich norddeutsch, der sich als Ruhe in Person um die Säuberung des Bühnenbodens kümmert. Übrigens von ein und derselben Person gespielt, von Michael Schwager. Oder wenn Rosenkrantz und Güldenstern à la Blues Brothers daherkommen, nicht minder cool. Und Hamlet so herrlich verrückt agiert. Es sind einmal mehr inzwischen schon liebgewonnene Gesichter, die da auf der Bühne stehen und deren vielseitiges Schauspiel vergessen macht, dass drei bis vier Rollen jeweils von ihnen allein gestemmt werden. Übrigens außer Ophelia, sie erscheint physisch nie, ein weiterer Geniestreich, ist sie im Spiel doch permanent präsent.

Michael Schwager, Vlad Chiriac, alternierend mit Benjamin Bieber, und Carsta Zimmermann, ebenfalls abwechselnd mit Lina Wendel, sind ein Augenschmaus, wie sie da agieren, mit höchster Schauspielkunst, da wird auch auf ein Telefonklingeln im Publikum noch souverän reagiert.

Und das Publikum dankt... und dankt... und dankt...
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