3.0/5
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Zeitgemäß
  · 12.09.17
Ausschließlich Kamelien sind es, mit denen sich die Kurtisane Marguerite Gautier von ihren zahlreichen Bewunderern beschenken lässt, jedenfalls was Blumen angeht, und die dem weltberühmten Roman von Alexandre Dumas d.J. seinen Namen gaben. Dem großen Erfolg des Romans ist dann auch die Bühnenfassung von Dumas vier Jahre später geschuldet, die 1852 ihre Uraufführung fand und mit der das Schlosspark Theater am Sonntag seine neue Spielzeit 2017/2018 eröffnete.

Wobei das nicht ganz stimmt, Ulrich Hub hat dem Stoff eine neue Bearbeitung verpasst, die nicht nur das Ensemble deutlich zusammenkürzt, sondern dem Stück auch eine neue Zeitlosigkeit verleiht.

Die auch das Bühnenbild unterstreicht, Stephan von Wedel schafft mit Vorhängen in mehreren Ebenen immer neue Räume, verstärkt vom wechselnden Licht. Daher braucht es fast keine Möbel oder Requisiten, was in Ergänzung zur Inszenierung steht, die von allem Ballast befreit scheint. Einen Flügel gibt es noch, der je nach Stimmung auch bespielt wird.

Anouschka Renzi verkörpert die Titelrolle, die nicht neu ist für sie, spielte sie die Kameliendame 2016 schon im Kleinen Theater in Bonn, wo Dieter Hallervorden sie entdeckte und für die Inszenierung in Berlin unter der Regie von Philip Tiedemann verpflichten konnte. Nun steht sie mit vier männlichen Kollegen auf der Bühne, allein dieser Umstand lässt den Fokus auf ihr liegen, auch wenn jeder der Herren seine ganz eigenen Ansprüche mehr oder weniger temperamentvoll geltend macht. Und obwohl sie deren Erwartungen zu entsprechen versucht, sie ist fast permanent von ihrem Liebhaber und Geldgeber Arthur de Varville (Fabian Stromberger) und dem Modedesigner Gaston Rieux (Oliver Nitsche) umgeben, ist der innere Drang nach Unabhängigkeit spürbar, auch wenn Geld immer wieder eine Rolle spielen muss, finanziert sich Marguerite doch ausschließlich von den Gaben ihrer Freier. Da scheint es geradezu ein logischer Ausweg, als sie sich in Armand Duval (Arne Stephan) verliebt, den jungen Adligen, der so ganz anders, „kein Lügner, kein Betrüger, einfach nicht korrupt“ ist. Und der sich schon vor zwei Jahren Hals über Kopf in sie verguckt hat, bis er sie nun endlich kennen lernt und ihr seine Liebe gestehen kann. Verliebtheit auf Gegenseitigkeit also, die die Kameliendame eine ganz normale Frau auf dem Land sein lassen kann, auf das die beiden ziehen, fernab von Luxus, dafür mit Sonnenhut und Strickjacke, Marguerite hat allen Luxus zu Geld gemacht.

Renzi spielt ihre Rolle mit der nötigen Strahlkraft, aber auch Verletzlichkeit und Naivität, „Lügen hält die Zähne weiß“, lässt die einfache Herkunft Marguerites durchscheinen. Diese Vielschichtigkeit ist auch der langjährigen Lungenkrankheit geschuldet, die ihr die Endlichkeit des Lebens täglich bewusst macht, Marguerite vielleicht auch deshalb so exzessiv und ausschweifend und sehnsüchtig nach wirklicher Liebe sein lässt, die nie kitschig daherkommt.

Aber wir wissen, dass diese Liebe kein gutes Ende nimmt. Vater Duval, überzeugend von Joachim Bliese verkörpert, überredet Marguerite, anders als in der Originalfassung, nicht zu einer Trennung, um dem Ansehen der Familie Duval nicht zu schaden. Hub lässt ihn sie in seiner Neufassung davon überzeugen, statt in den Armen ihres Liebhabers auf dem Land, verlassen von Armand in Paris zu sterben und damit ewig in Erinnerung zu bleiben. Womit sich die Motive für die Trennung verändern, Marguerite trennt sich nicht mehr selbstlos aus Liebe, sondern aus egoistischen Gründen. Dies ist ein verändertes selbstbewusstes Frauenbild, Hub rückt die Rolle damit in die heutige Zeit.

Der Beweis dafür lässt die Inszenierung übrigens beginnen, die vier Männer sinnieren nach Marguerites Tod darüber, dass eine verstorbene Frau am leichtesten zu lieben ist, es ist bereits Raum für eine Stilisierung gegeben.

Zum Zeitpunkt ihres Todes sind dann auch fast alle bei ihr, Armand schafft es auf den letzten Drücker noch, sie ein letztes Mal zu sehen, nachdem sein Vater ihm die wirklichen Gründe für die Trennung erklärt hat. Ein wenig schade, dass Renzi die Sterbende nur stilistisch andeutet, dies wird wohl der Regie geschuldet sein.

Die Neubearbeitung funktioniert jedenfalls, das Premierenpublikum dankt mit langanhaltendem Applaus.
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