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Liebe, Geld und Vorurteil
  · 12.09.17
Steckt in diesem Romanerfolg des Alexandre Dumas aus dem Paris des Jahres 1848 wirklich mehr als die Kontur eines klassischen Tränenziehers, umweht von der Aura der legendären Sarah Bernhardt, die einst in der Bühnenfassung des Romans Triumphe feierte ? Oder strahlt der ungebrochene Glanz von Verdis „La Traviata“ auf die literarische Quelle zurück ? Einerlei: Es gibt eine Neubearbeitung des Stoffes von Ulrich Hub, die jetzt in der Regie von  Philip Tiedemann am Berliner Schloßparktheater Premiere hatte. 

Marguerite Gautier (Anouschka Renzi) ist eine in Paris stadtbekannte Lebedame, die von den Zuwendungen ihrer Liebhaber lebt. Der Begriff „Liebe“ ist für sie eng mit dem Geld verbunden, das sie für ihre Dienste erhält. Um sie herum Arthur de Varville (Fabian Stromberger) und der Modedesigner Gaston Rieux (Oliver Nitsche). Bis Marguerite den jungen Armand Duval (Arne Stephan) kennenlernt, der ihr mit wirklicher, tief empfundener Liebe begegnet und damit zum ersten Mal ähnliche Empfindungen in ihr selbst erweckt. Das Glück der beiden wird lediglich durch die Intervention von Armands Vater Georges Duval (Joachim Bliese) getrübt, der eine solche Verbindung als für seinen Sohn nicht standesgemäß ablehnt und Maguerite zwingt, sich unter dem Vorwand von Armand zu trennen, daß ihre Zuneigung zu ihm nicht echt sei und sie ihn nicht mehr liebe. Diese Wendung ins Tragische wird noch dadurch potenziert, dass Marguerite an Tuberkulose leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Erst kurz vor ihrem Tode erkennt Vater Georges sein Fehlurteil und schätzt ihr Bündnis mit seinem Sohn nun ebenso hoch ein wie dieser selbst. In der Sterbestunde sind alle vier Männer in Reue und Bestürzung um ihr Lager versammelt. 

Die Inszenierung von Philip Tiedemann auf der durch Gazevorhänge und kluge Lichtregie intelligent genutzten Bühne (Stephan von Wedel) hält die Handlung flüssig in Gang und vermeidet alles nur Weinerliche. Viele Dinge werden nur angedeutet, statt sie in aller Breite auszuwalzen.  Auch ein schwarzer Flügel liefert auf der kleinen Drehbühne in der Mitte der Szene ein paar dramaturgische Akzente. 

Anouschka Renzi gibt der Figur der Marguerite anfangs den oberflächlichen Leichtsinn einer Lebedame, auch wenn dabei das mondäne Flair einer stadtbekannten „femme fatale“ etwas auf der Strecke bleibt. Desto besser gelingt ihr die Wandlung zur wahrhaft Liebenden und vor allem der Ausdruck der Qual, diesem Gefühl entsagen zu müssen, der sie mit einem Aufschrei hinter der Szene Ausdruck gibt. Auch ihre Sterbeszene meistert sie bewegend und dezent. Arne Stephan ist der feurige, später enttäuschte junge Liebhaber aus dem Bilderbuch. Sein Rivale Fabian Stromberger kann sich hinreissend aufregen über die schwankende Zuneigung Marguerites, und Oliver Nitsche gibt seiner Rolle mit trefflich sarkastischen Randbemerkungen die richtige Farbe. Joachim Bliese spielt vortrefflich den anfangs hochmütigen, später reumütig zerknirschten Vater Duval. 

Viel Beifall vom Premierenpublikum und ein Blumenbukett aus der Hand des Intendanten Dieter Hallervorden für das ganze Ensemble. Das Stück verdient ohne Zweifel die Achtung, die man einem Klassiker entgegenbringt, der in dieser Bearbeitung  sein Existenzrecht auch im Sprechtheater einleuchtend bewiesen hat. 

http://roedigeronline.de
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