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Bewertung und Kritik zu

KLASSENKAMPF - Das Musical 
von Constanze Behrends
 
Regie: Constanze Behrends
Premiere: 24. März 2017  
Heimathafen Neukölln, Berlin

Zum Inhalt: Ein Gespenst geht um in Neukölln! Eine Gruppe von Nachsitzern der Neuköllner Karl-Marx Oberschule bekommt das Manifest ihres Namensgebers in die Hände und begreift: Wir sind die unterdrückte Klasse! Mit Hilfe der kommunistischen Hausmeisterin Frau Karl formulieren sie einen Brandbrief und enteignen die Schule. Ihre “Diktatur des Prekariats“ sieht eine klassenlose Schule vor, in der alle gleichberechtigt sind. Natürlich stürzen sich die Medien auf diese neue Aufruhr im Skandalbezirk. Zum Beat der Strasse rappen und singen die Schüler ihre revolutionären Ideen. 

Mit: Walid Al-Atiyat, Florian Bamborschke, Constanze Behrends, Lodi Doumit, Ugur Kaya, Romina Küper, Britta Steffenhagen, Tom-Veit Weber, Christiane Ziehl

Text und Regie: Constanze Behrends
Musik: Tillmann von Kaler zu Lanzenheim
Regieassistenz: Philipp Hardy Lau
Kostüm: Gregor Marvel
Bühne: Julia von Schacky
Requisite: Caro Walter
Licht: Tobias Pehla, Tobias Bischoff
Ton: Aiva Yamac, Joszef Cufal


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Das pädagogisch revolutionäre Musical in Berlin-Neukölln
Als Lehrerin weiß ich, dass das Wichtigste für die Schüler nicht Lernmethoden und Lernmaterialien sind, sondern die Persönlichkeit des Lehrers/der Lehrerin. Schon längst reicht es nicht mehr aus, nur 45 bzw. 90 Minuten für die Schüler da zu sein, eine gute Lehrkraft sollte ihre Zeit auch nach dem Unterricht in die Lerngruppe investieren. 
Mit diesem Thema befasst sich unter anderem die Musical-Produktion „Klassenkampf“ von Constanze Behrends, die wieder ins Programm des Heimathafens Neukölln aufgenommen wurde. 
Am 21. Oktober 2017 besuchte auch ich „Klassenkampf“, den Gewinner des Musical Theater Preises 2017 für das beste Buch und berichte Euch im Folgenden von meinen Eindrücken. 

Zunächst zur Handlung des Musicals: 
Seit sieben Jahren ist die Karl-Marx-Oberschule eine Baustelle mit vielen weiteren Problemen, darunter Kleinkriminalität, Drogen und Mobbing. 87 Prozent der Schüler sind nichtdeutscher Herkunft, was ein Problem für die mediengeile Direktorin darstellt, da sie bei 90% mit mehr Fördergeld und mehr Medienpräsenz rechnen könnte. 
Die Interessen und die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Schüler werden in der Oberschule schon lange nicht mehr berücksichtigt. Das stinkt der Schülergruppe um den Rebellen Samir, die in einer „Arbeit-statt-Strafe-Initiative“ (ASSI) die Graffitis der Schule wegmachen soll, gewaltig. Sie fühlt sich von dem (Schul)System alleine gelassen. Durch den Kontakt mit der Hausmeisterin Frau Karl, einer in der DDR sozialisieren Rentnerin, erfahren die Jugendlichen mehr über die Ideen Karl Marx' und beschließen, diese in ihrer Schule umzusetzen. So übernehmen sie schlussendlich die Kontrolle über die Schule. 

Die Direktorin Frau Eisner ist nicht nur pressegeil, ihr sind die Schule und die Schüler so ziemlich egal. Schon lange ist sie eifersüchtig auf die Medienpräsenz der Rütli-Schule (jetzt Rütli-Campus). Constanze Behrends spielt perfekt die kühle und selbstverliebte Blonde, der man jedes Wort abnimmt. 

Selbstverständlich konnte ich mich als Lehrerin am meisten mit dem Sozialpädagogen Lars identifizieren, der sich für seine Schüler auch außerhalb des Unterrichts einsetzt und versucht, sie auf den rechten Weg zu bringen – weg von Kleinkriminalität und Perspektivlosigkeit. Der Schauspieler Tom-Veit Weber verleiht mit seiner schauspielerischen Art der Figur eine große Sympathie. 

Der mit Drogen dealende Anführer Samir, der sehr authentisch von Walid Al-Atiyat aus dem Heimathafen-Jugendclub Active Players NK verkörpert wird, ist im Grunde seines Herzens doch nicht der gnadenlose Rebell, sondern kümmert sich zu Hause um seine kleinere Schwester und möchte einfach nur gehört werden. 

Lodi Doumit gehörte zu meinen Lieblingsdarstellern an diesem Abend und stellt auf eine sehr überzeugende Art und Weise den Charakter Gülcan dar, die auf den ersten Blick grob und rebellisch wirkt, aber das Herz am rechten Fleck hat, was man an ihrer Freundschaft zu Rosa und ihrer Schwärmerei für den Sozialpädagogen erkennt. 

Die Schülerin Rosa ist die Zerbrechlichste in der Gruppe, was sich auch in ihrer zarten Stimme widerspiegelt. Rosa leidet sehr unter der Scheidung ihrer Eltern. Doch Romina Küper zeigt uns nicht nur die zerbrechliche Seite der Figur, sondern auch die kämpferische und die lustige, z.B. als Rosa eine Rede der Schuldirektorin mit ausufernden Gebärden begleitet. 

Zu den weiteren Schülern gehört der selbstbewusste Ali (Ugur Kaya), der die Coolness des selbstverliebten Machos über Bord wirft, wenn er vor Gülcan, seinem Schwarm, steht, und der schlaue Lex (Florian Bamborschke), den man aufgrund seiner Allwissenheit "Lexikon" nennt und der aus Bosnien stammt. Im Gegensatz zu Lex haben sich aber seine Eltern in Deutschland nie integrieren können und ertränken ihren Frust in Alkohol. Seine Stärke findet er in seiner Beziehung zur Polin Rosa. 
Beide Figuren sind Sympathieträger, was natürlich auch an der überzeugenden Darstellung der beiden Musicaldarsteller liegt. 

Auch die Hausmeisterin Karl (Christiane Ziehl), die eigentlich ihre Zeit als Rentnerin genießen müsste, schließt das Publikum sofort in sein Herz. Sie kämpft für jeden einzelnen Schüler, vor allem für Samir, dessen Familie sie auch schon einmal privat geholfen hat. Ihr ist es zu verdanken, dass die Schüler zum ersten Mal von Kommunismus, von Marx' Ideen und von der DDR erfahren. 

Ein weiterer schauspielerischer Coup gelingt dem Heimathafen Neukölln mit der prinzipienlosen und sensationsgeilen Reporterin Hanna Köster (Britta Steffenhagen), die aus Ali in ihrem TV-Bericht einen islamischen Terroristen macht. 

„Wir sind euch scheißegal / unser Elend nur ne Zahl / im Sekretariat / jetzt kommt das Proletariat!“ 
Die Schüler fühlten sich schon viel zu lange von ihrer Schule und allgemein von der Gesellschaft unterdrückt, jetzt schlagen sie zurück und fordern mehr Rechte für sich, das Proletariat, die ausgebeutete und unterdrückte Klasse. 

Die Musik von Tillmann von Kaler zu Lanzenheim passt wie die Faust aufs Auge zu den Schülern und ihren Geschichten. Zwar sind die Hip Hop-Lieder oft anklagend und erzählen von dem Schmerz der Schüler, doch immer auf eine ironische und lustige Weise. So wird z.B. ein Lied der DDR-Jugendorganisation FDJ umgedichtet. Die Schüler singen nicht mehr „Bau auf, Bau auf!", sondern „Wach auf, Wach auf! Neue deutsche Jugend, wach auf!" – eine Tatsache, die viele im Publikum zum Lachen brachte. 

Mein Fazit: Das Musical sollte für jeden Berliner oder Berlin-Besucher ein Muss sein, nicht nur für Lehrer und Schüler. Zwar werden auf der Bühne viele ernste Themen angesprochen und besungen (Migration, AFD, DDR, Toleranz, Drogen, Mobbing, das Bildungssystem Deutschlands), doch immer ohne den moralischen Zeigefinger und mit sehr viel Witz und Sarkasmus. Das Musical könnt Ihr noch am Samstag, den 4. November 2017, und Sonntag, den 5. November 2017, besuchen. Die Karten kosten im Vorverkauf: 16 € (ermäßigt: 10 €) und an der Abendkasse: 18 € (ermäßigt:12 €). 

© E. Günther ("Mein Event-Tipp") 

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